Der Pessimismus der „jungen Leute“.

Ich bin ich gerade über ein Interview im SZ-Magazin „Jetzt“ gestolpert:

Ministerin für Arbeit und Soziales , Andrea Nahles, parliert über die „Arbeitswelt der jungen Menschen“ und der Catcher für diese Story hat mich tatsächlich gefangen, schön reisserisch – dachte ich. Und bestimmt mal wieder aus dem Zusammenhang gerissen – dachte ich: „Was ich bei jungen Leuten nicht mag, ist dieser Pessimismus.“

Ich bin zwar fast 30, aber ich zähle mich doch noch zu „jung“, denn in dieser „Rentnerrepublik“ werden bei der kommenden Bundestagswahl ~56% der Wahlberechtigen über 50 Jahre alt sein und ~36% gar älter als 60 Jahre.

Es geht also, unter anderem, um die Rente und welche Aussichten die „jungen Wahlschafe“ da haben. Dazu möchte ich einen Ausschnitt aus besagtem Interview kommentieren. Live, in farbe und bunt!

„Die Rente ist der Spiegel des Erwerbs­lebens.“ Jau, so war’s gedacht. „Deswegen müssen wir als Erstes die Transformationsprozesse in der ­Arbeitswelt bewältigen,“ Die was? Industrie 4.0? Wovon spricht es? „und wir müssen uns fragen: Was ist uns eine gute Rente wert? Wir werden nicht drum herumkommen, mehr Steuern in die Rente fließen zu lassen, um die Belastungen gerechter zu verteilen.“ Aha, war die Rente eben noch der Spiegel des Erwerbslebens, präzisiert sie es im nächsten Satz als kläglichen Rest, den man mit Steuermitteln aufpumpen muss.  „Doch klar ist: Es gibt kein besseres System als die ­um­lagefinanzierte Rente. Keine Altersvorsorge der Welt hat sich als so ­sturm­erprobt und wetterfest erwiesen – gerade in Zeiten der weltweiten ­Finanzkrise.“  Sprach Sie und erwähnt mit keinem Wort die Agenda 2010 und den Riesterbetrug. „Aber zur Wahrheit gehört auch: Wir haben jetzt 35 Rentner auf 100 Beschäftigte. Im Jahr 2045 werden es 56 Rentner auf 100 Beschäftige sein. Da dürfen wir nicht in Schockstarre verfallen. Wir liegen heute deutlich über den düsteren Prognosen der letzten Jahrzehnte. Das zeigt, wenn wir uns gemeinsam anstrengen und weiterhin für eine gute wirtschaftliche Entwicklung sorgen, kann man das schaffen. Joa, Schockstarre ist selten eine gute Idee, außer, man trifft auf ein Rudel Wölfe oder einen Tyrannosaurus Rex. Mehr als blabla ist hier also nicht drin. Auch den Schreiberlingen von  „jetzt“ kommt das ganze wohl spanisch vor:  „Klingt gut. Aber glauben können wir das nicht.“

Und dann haut mir „Nahles für Soziales“ die metaphorischen Beine weg: „Was ich bei jungen Leuten nicht mag, ist dieser Pessimismus. Dieses „Ich krieg ja sowieso nichts raus“. Das stimmt nicht, sag ich dazu. Ich glaub ich steh im Wald… Pessimismus scheint für die Arbeitsministerin etwas zu sein, was man sich aussucht?! Für mein Verständnis, ist Pessimismus etwas das entsteht, aufgrund von Wissen/Erfahrung/Grundstimmung. Wie kann die Frau „mir“ also Pessimismus vorwerfen. Das ist zynisch. Wobei, wenn das schon zynisch ist, was ist dann „Das hängt ja in erster Linie davon ab, was man einzahlt und wie viele Leute Arbeit haben.“? Wie steigert man Zynismus? Makaber? Ich weiß es nicht.

Der, dank der Agenda 2010, steigenden Zahl von Niedriglöhnen wurde von Frau Nahles ein löchriger Mindestlohn von 8,84 EUR (seit 01.01., vorher 8,50 EUR) entgegengesetzt. Und nun ein kleiner Diskurs in die Mathematik – mit der scheint man in der Berliner Wilhelmsstraße 49 auf Kriegsfuß zu stehen:

8,84 EUR / Stunde

* 40 Stunden/ Woche

* 22 Arbeitstage

= 1.414 EUR Brutto

– Einkommenssteuer und Sozialabgaben

= ~1.145 EUR netto / Monat

Die EU-Statistiker definieren Personen, die vom Median des Netto-Äquivalenzeinkommens weniger als 

  • 70 Prozent zur Verfügung haben, als armutsgefährdet in sozialen Risikosituationen („prekärer Wohlstand“),
  • 60 Prozent zur Verfügung haben, als armutsgefährdet,
  • 50 Prozent zur Verfügung haben, als relativ einkommensarm,
  • 40 Prozent zur Verfügung haben, als arm.

In Deutschland lag dieser Median 2015 bei 1.722 EUR netto. 1.145 EUR sind 66,6 % dieses Medians, also ziemlich genau zwei Drittel; und wer ≤60% ebenjenes Medians verdient, ist offiziell armutsgefährdet. Und das betrifft knapp 10,2 Mio Menschen in Deutschland! Stellt man dem die Zahl der Erwerbstätigen (42.057.000) gegenüber, landet man bei rund 25%.

Das heißt: Jeder. Vierte. Erwerbstätige. Ist. Gottverdammt. Armutsgefährdet. Punkt.

Und Frau Nahles erzählt mir einen vom Pessimismus und was das soll?! Und sie hört dann nicht mal auf  „Und jetzt kommt die gute Nachricht: In Deutschland gab es noch nie so viel Arbeit wie jetzt. Wir müssen in diesem Land vor keinem ­Problem die Augen verschließen. Wir müssen die Probleme nur lösen.“ Ja, lösen müssen wir sie. Aber nicht so. Sie widersprechen sich in drei Absätzen fünf Mal, Frau Nahles. Also kritzele ich mal in Ihrem Interview herum:

„Und jetzt kommt die semi-herrliche Nachricht: In der Bundesrepublik Deutschland gab es noch nie so viel schlecht bezahlte Arbeit, wie jetzt. Wir verschließen in diesem Land vor Problemen die Augen, denn wir haben Angst, dass uns die WählerInnen weglaufen, sobald wir ehrlich zu ihnen sind. Was witzig ist, denn uns laufen mittlerweile auch so die WählerInnen davon. Dennoch wollen wir die Probleme nicht lösen, wir müssen nur den Fokus verschieben. Das hat, zumindest in den letzten Jahrzehnten sehr gut funktioniert.“

Bildergebnis für sheep election

Der angesprochene Rentenpessismismus ist also mitnichten nur eine Frage der Demographie, sondern auch eine Frage des Einkommens – und ich zitiere: „Das hängt ja in erster Linie davon ab, was man einzahlt und wie viele Leute Arbeit haben.“  Gut, das mit dem „Arbeit haben“ klappt ja schon besser als Früher™, jetzt kümmern sie sich darum, dass diese auch ausreichend bezahlt wird, oder? Dann grüßen Sie den Peter Hartz ganz, ganz lieb von mir, wenn Sie ihm die Ohren langziehen. Bis dahin sind und bleiben die „Sozen“ unwählbar – ob Martin Chuuulz nun über das Wasser gehen kann, oder nicht.

–> Leseempfehlung <–

Tschüß

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