Hör‘ mal, wer da (nicht) klingelt…

Starring:

DHL-Paketdienst, ein schwedischer Steuersünder aus dem Mobilienbereich und meine cholerische Wenigkeit.

Zum Sachverhalt:

Da ich über kein Auto verfüge und Geld auch nicht im Übermaß vorhanden ist, habe ich bei IKEA einen simplen Tisch mit abnehmbaren Beinen per Paket bestellt. Der Versand sollte nur 6,90€ inklusive Nachnahmezahlung kosten. Das wirkte schon verdammt billig, wenn man bedenkt, dass ein Tisch eben kein kleines Päckchen ist, was da mal eben von A nach B transportiert werden soll. Aber gut, am Ende unterliegen wir alle ökonomischen Zwängen und ist ja bequem, einfach bestellen und dann wirds zeitnah an die Haustür geliefert. Tja, denkste…

IKEA selbst sagte den Liefertermin für voraussichtlich Montag der kommenden Woche voraus. DHL nannte in der Sendungsverfolgung bis Montag Nachmittag: nichts. Damit war dann Tag 1 vergeudet, weil man ja entsprechend disponieren muss, falls DHL nur mal wieder seine Sendungsinformationen nicht aktualisiert. Am Montag Abend dann also von DHL die Information, dass das Paket voraussichtlich am folgenden Tag, Dienstag, zugestellt würde. Dienstag früh: Sendung im Zielpaketzentrum bearbeitet, Sendung ins Zustellfahrzeug verladen: Zustellung voraussichtlich heute zwischen 10:30 und 13:30. Das große Warten geht weiter. um 15 Uhr soll die Zustellung weiterhin am gleichen Tag erfolgen, aber das Zeitfenster ist verschwunden…ja, gut, das war zu diesem Zeitpunkt ohnehin passé. Warten, warten, warten…nichts.
Am Mittwoch Vormittag heißt es dann lapidar: Der Empfänger wurde nicht angetroffen, die Sendung wurde in eine Postfiliale gebracht und kann ab der auf der Benachrichtigungskarte angegebenen Zeit abgeholt werden. Welche Benachrichtigungskarte? Wieso nicht angetroffen? Warum bestelle ich eigentlich per Versand? Bestimmt nicht, damit ich die Ware dann durch die Stadt schleppen darf.

DHL- und IKEA-Hotline und Emailservice zum Glühen gebracht. Beschwerde formell aufgenommen. Erneuter Zustellversuch soll am Samstag erfolgen. Aber warum nicht in der Postfiliale schauen, ob die Ware nicht schon vor Ort und tragbar ist. In der Postfiliale ist die Ware tatsächlich, nur zu schwer, um sie 2km durch die Stadt zu schleppen. Auf dem Rückweg den DHL-Fahrer abgefangen. Ja, er habe auch gestern in meiner Straße Pakete ausgefahren. Doch, er habe auch geklingelt! Benachrichtigungskarte? Moment. Ach, da auf dem Armaturenbrett des DHL-Fahrzeugs. Habe er vergessen, einzuwerfen. Na klar!

Ich kenne solches Verhalten schon von Hermes zu Genüge: Der Paketfahrer hat keine Zeit oder Lust, läd alle „überschüssigen“ Pakete in der Postfiliale/Paketshop ab und schmeißt die Benachrichtigungskarten – wenn überhaupt – im Laufe der Woche ein.

So wohl auch hier. Der DHL-Fahrer hat nicht geklingelt. Garantiert nicht. Und welch Zufall: Die Benachrichtigungskarte fliegt auch noch in seinem Laster umher. Gesunder Menschenverstand sagt einem, dass er seine persönliche Abkürzung genommen hat. Soweit so gut: mir selbst die Laune verhagelt, bürokratischen Arbeitsaufwand mit entsprechendem Kostenaufwand bei IKEA und DHL verursacht und dem DHL-Fahrer mitunter eine arbeitsrechtliche Abmahnung eingehandelt (abgesehen von der (auch) für ihn unangenehmen Begegnung mit einem verärgerten Kunden), sofern man hier von einem Angestelltenverhältnis sprechen kann (aber dazu später).

Dass der Fahrer die Ware einfach in der Filiale abliefert und nicht mal einen Zustellungsversuch unternimmt ist nicht akzeptabel, ABER…

In dem Gespräch mit dem DHL-Fahrer bekommt man fast schon Mitleid. Er zeigte mir seinen vollen Transporter, über und über mit den braunen Paketen vollgestopft. Und das soll alles heute noch zugestellt werden? Von ihm allein? Meine Fresse! Dass Paketfahrer kein Traumjob ist, wissen alle denkenden Vertreter des homo sapiens spätestens seit diversen Frontal21-, Monitor- und panorama-Berichten. So konkret bekommt das Ganze dann aber eine persönliche Dimension. Natürlich verteidigt sich der Paketfahrer mit der (Schutz-)Behauptung, geklingelt zu haben; würde ich auch tun. Und das kurze Gespräch hat ihn wahrscheinlich mehr Zeit gekostet als die Zeit, drei/vier Pakete zuzustellen, was also einige Pakete ihr Ziel am gleichen Tag nicht mehr erreichen lassen dürfte (sorry, an alle anderen Empfänger, die dadurch vergeblich warten müssen). Angesichts sprachlicher Schwierigkeiten kam nicht ganz heraus, ob er nun Angestellter oder einer dieser berüchtigten Subunternehmer-Sklaven oder sogar selbstständig ist. Aber ich meine, es so verstanden zu haben, dass er nicht direkt bei DHL angestellt ist, sondern selbstständig ist. Warum auch? Dann müsste sich DHL ja am Ende vielleicht noch arbeitsrechtlich verantwortlich zeigen (schon komisch, dass er dann in DHL-Klamotten durch die Gegend rennt). Das wäre ein wirtschaftlich nicht tragbares Risiko: Arbeit…nehmer. Daher also lieber: Arbeitssklave, der über diverse Subunternehmer in einem intransparenten Firmengeflecht gemeinsam mit den Kunden der Leittragende ist.

Auch wenn Paketfahrer absichtlich nicht klingeln, wäre es zu kurz gedacht, ihnen alleine die Verwantwortung zu geben. Wenn man einmal drüber nachdenkt, scheint die Verantwortung schon eher beim System an sich zu liegen.

Und diese schöne neue Online-Handel-Welt steht auf tönernen Füßen. Sie lebt von billigen Lieferkosten. Amazon macht es schon lange vor…“ab einem Betrag x versandkostenfrei bestellen“. Wenn der Online-Händler dann auch noch zu konkurrenzfähigen Preisen verkaufen will, ist er auf entsprechend niedrige Versandkosten angewiesen. Welcher Kunde kaufte sein Duschgel schon im Internet, wenn er für das 2,99€ Shampoo dann vielleicht angemessene 24,99€ Versandkosten zahlen müsste? Also konkurrieren die Paketdienste mit immer niedrigeren Versandpreisen und damit Lohnkosten um die zunehmende Flut an Paketen. Es ist ja auch so schööööön bequem, online zu shoppen und die Ware dann nach hause geliefert zu bekommen.  Zumindest, wenn es denn funktioniert…
Damit sich das rechnet, muss ein Paketfahrer also in der gleichen Zeit immer mehr Pakete ausliefern. Da die schiere Anzahl an Paketen an vielen Stellen das menschlich Leistbare überschritten hat und auch arbeitsrechtlich unzulässige Arbeitszeitüberschreitungen zur Folge hat, weicht man auf Subunternehmer und Selbstständige aus, denen man zwingende Vorgaben bei den Zustellzahlen macht und deren alleiniges Problem es dann ist, wie und wann sie die Ware zustellen. Werden diese Ziele nicht erreicht, kürzt man den „Lohn“ dieser Zusteller einfach weiter. Gerade bei Selbstständigen reicht der Lohn dann nicht mehr aus, ein menschenwürdiges Dasein zu unterhalten. Deswegen finden sich auch so viele ausländische Zusteller. Mögen es sprachliche Defizite oder eine unsichere Zukunft in der BRD sein, die Wahrscheinlichkeit des Widerstands oder Aufbegehrens ist bei Ihnen einfach deutlich geringer als bei einem hierzulande sozialisierten Arbeitnehmer mit entsprechenden Gewohnheiten bezüglich arbeitsschutzrechtlicher Errungenschaften.  Meines Erachtens macht man sich hier bewusst und vorsätzlich die strukturellen Nachteile dieser Lohnsklaven zunutze (wie auch in anderen Bereichen….Wiesnhof ick hör‘ dir schlachten (lassen)). Und so wird die Verantwortung vom Verkäufer über den Paketdienst zum Boten abgewälzt. Wenn etwas schief geht, schaut am Ende der Zusteller in die Röhre. Denn Kunden – wie ich – beschweren sich wieder ganz vorne in der Verantwortungskette…beim Verkäufer (denn nach deutschem Recht fällt die Zustellung im Rahmen des Verbrauchsgüterkaufs regelmäßig in den Verantwortungsbereich des Verkäufers, §§ 474 Abs. 4, 447 Abs. 1 BGB). Der Kunde bleibt allenfalls auf längeren Wartezeiten für sein hach so günstiges Produkt sitzen. Die wahre Zeche zahlen aber Menschen, die unter widrigsten Bedingungen entgegen aller Errungenschaften des Arbeitnehmerschutzes in sklavenähnlichen Verhältnissen arbeiten müssen. Und das alles nur, damit wir den nächsten unnützen Nippes bequem per Mausklick nach hause ordern können (ergänzender Hinweis: wie gefährlich ein Mausklick sein kann, hat ja bereits die zukünftige Reichskanzlerin in spe und Anwärterin auf den Friedensnobelpreis B. v. Storch bewiesen, wenn sie ihren Schießbefehl versehentlich durch Ausrutschen auf der Maus (sic!) „ausformulierte“).

Was also tun? Zunächst sollte man überlegen, ob man den Kram, den man online zu bestellen gewillt ist, auch wirklich braucht. Und wenn ja, dann überlegen, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, diesen bei einem Einzelhändler in der Nähe zu erwerben. Man sollte sich auch fragen, ob es eine ethisch vertretbare und/oder nachhaltige Variante dieses Produktes gibt bzw. ob man nicht den Mehrpreis dafür bezahlen könnte.

Meine Abstinenz von Amazon währt jetzt bereits gute 4,5 Jahre und mein Erwerbsverhalten bezüglich eigentlich unnützer Gegenstände, die lediglich eine Pseudowirtschaft in Gang halten, ist deutlich zurückgegangen. Auch generell beschränkt sich mein Kaufverhalten im Onlinebereich auf ein Minimum. Die Devise „Weniger ist Mehr“ gilt gerade auch für unser Konsumverhalten. Und bitte keine Einwände aller „Aber, die Arbeitsplätze“. Wir werden uns arbeitstechnisch ohnehin bald umsehen, aber das ist ein Thema für eine andere Folge für uns stachelige Wildschweine mit hebephrener Schizophrenie und in Weltpessimismus ertränktem Residualoptimismus.

Was erreicht man mit einer Verhaltensänderung? Zunächst stützen wir nicht mehr dieses ausbeuterische Zusteller-System. Wir müssen uns aber auch dafür aussprechen, dass es in unserem Land keine Ausnahmen vom Arbeitnehmerschutz geben darf, europäische Freizügigkeit hin oder her. Arbeitnehmerschutz steht im öffentlichen Interesse und sollte daher auf alle hier arbeitenden Menschen Anwendung finden, auch wenn dies bedeutet, dass wir für einzelne Dienstleistungen mehr zu zahlen haben, nämlich den ehrlichen und fairen Preis. Vor allem aber sollten wir uns vergegenwärtigen, dass unsere eigenen ökonomischen Verhältnisse nicht als Rechtfertigung herhalten dürfen,  unseren Anspruch an den eigenen Lebensstandard auf dem Rücken von sozial Schwächeren auszuleben. Das Geld ist schließlich da, es muss nur anständig verteilt werden bzw. es muss angemessen entlohnt werden.

Ich jedenfalls bin wieder für einige Zeit von diesem leidigen Onlinekaufprozess geheilt und spare meine Nerven für den nächsten Bundestagswahlkampf auf, um nicht gleich bei den ersten Wellen an sachrgumentbefreiten Parolen Gehirnblutungen zu erleiden.

In diesem Sinne: Wehret dem Mausklick! und kauft nachhaltig!

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