Kommentar: Wer wir sein wollen

Okay, ich gebe es zu: Ich war nie auf einer Wellenlänge mit CDU/CSU und obwohl ich vor vielen Jahren den Jusos beigetreten bin, könnte mir die ehem. SPD heute nicht ferner liegen. Beide Volksparteien sind für mich schlicht nicht wählbar. Während einzelne Individuen in der ehem. SPD versuchen Gesicht und Haltung zu wahren,  bringen mich die „Christ“-Demokraten  regelmäßig aus der Fassung. Ich weiß nicht, ob die Parteibeitrittsformulare generell im Vollsuff unterzeichnet werden, aber etwas „christliches“ im Sinne von Nächstenliebe und Co. kann ich bei den öffentlichen Äußerungen von Parteimitgliedern nicht entdecken. Mir scheint fast die Damen und Herren haben einen Wettkampf in „wer bekommt den größten Shitstorm“. Klöckner, Spahn, Tauber, de Maiziere, Kauder, Öttinger, es vergeht kein Tag an dem sie sich menschlich und/oder fachlich für ein politisches (Spitzen-)Amt disqualifizieren.

Zugegeben, wenn ich in die rote Ecke der GroKo schaue, sehe ich viele leere Gesichter, die sich um Kopf und Kragen reden bzw. schreiben. Ein Justizminister der die freie Meinungsäußerung im Internet abwürgt und somit nicht nur der Bundesdatenschutzbeauftragten vor den Kopf stößt, sondern gegen das in diesen Tagen viel gelobte und beworbene Grundgesetz verstößt. Warum will er das? Weil es in diesem Land so viele frustrierte und abgehängte gibt, die Ihrem Hass in der Anonymität des Internets freien Lauf lassen. Aber ist  das Löschen und Blocken von „Hate-Speech“ eine Problemlösung? Leider nein, leider gar nicht. Wiedermal wird kaschiert statt am Kern des Problems anzusetzen.

Dieser Eingriff in die Grundrechte wird nur noch von Thomas die Misere übertroffen, der lieber alle Menschen in diesem Land 24/7 überwachen will, als die wirklichen Gefährder. Jeder, ich wiederhole j.e.d.e.r. islamistische Attentäter von 2014-2017 war den Behörden als gewaltaffin bekannt.

Aber der Innenminister will unbedingt an alle meine Daten. Warum?

1984 ick hör‘ dir trapsen!

Wie eine militarisierte Polizei aussieht kann man in den Divided States sehen, wo selbst die Campus-Polizei mit Panzern und schweren Waffen aus Armeebeständen ausgerüstet wird. Das ist ein Zustand, der mittelfristig schiefgehen wird und kurzfristig eskalieren kann. Und auch hierzulande geht der Trend vom  eigenen Polizei-Panzerchen bis zum Einsatz der Bundeswehr im Inneren .

Bilderquelle: Wikipedia

Von den Amerikanern lernen?

Wo führt diese Aufrüstung in der inneren Sicherheit hin? Dahin wo Aufrüstung immer hinführt: In eine Spirale die in Gewalt endet. Man verstehe mich hier nicht falsch: Natürlich muss sich ein Staat gegen Terroristen und anderen gesellschaftlichen Ausschuss wehren können. Aber da sind wir wieder bei oben gezeigter Statistik zu islamischen Terroristen. Anspruch und Wirklichkeit gehen weit auseinander. Warum denkt unser Bundes-Thommy, dass er mit Äußerungen zu möglichen islamischen Terroranschlägen die Bevölkerung verunsichern könnte, aber Bilder wie dieses sind kein Problem für mein Sicherheitsempfinden?

Spezialkräfte in Köln vor der Stürmung des Vereinsheims der Hells Angels
Spiegel.de

Mich machen solche martialischen Auftritte eines (Un-)Sicherheitsapparates eines Innenministers der Terroristen jedweder Coulour, vom Verfassungsschutz gedeckt oder gar gestützt durch das Land ziehen lässt sehr, sehr nervös. In nervöse Zuckungen artet es aus, wenn ich (wiederholt) Bilder und Videos sehe, wie Polizisten (linke) Demonstranten zusammenknüppeln die sich einen Bauprojekt oder Faschisten in den Weg stellen. Ich erinnere mich da an einen Mann an der Stuttgarter „S21“-Baustelle, dem mittels Wasserwerfer ein Augapfel aus dem Schädel geblasen wurde. Andernorts lese ich, dass ein Anis Amri von einem V-Mann gedeckt von Düsseldorf nach Berlin umziehen konnte. Oder die immer neuen Enthüllungen des NSU-Ausschusses bzw. Journalisten die eben nicht zurückstecken sondern Ihr Recht durchsetzen:

Das Verteidigungsministerium muss der Presse 5132 Seiten zum Fall des NSU-Terroristen Uwe Mundlos zur Verfügung stellen.

Was dabei rauskommen wird, wird weder der Verteidigungsministerium noch dem Innenministerium gefallen.

Letzteres ist es, das Geflohene aus Afghanistan via Frankfurt nach Kabul abschieben lässt – denn: Afghanistan ist sicher! Zumindest in Teilen! Und wenn dann mal an der deutschen (& französischen) Botschaft eine Bombe explodiert und ein Botschaftsmitarbeiter (neben mehr als 90 weiteren Menschen) ums Leben kommt, dann stoppt man kurzfristig einen für 18:30 angesetzten „Abschiebeflug“. Nicht jedoch weil man den Status des sicheren Herkunftslandes überdacht hat, nein – um die Botschaftsmitarbeiter vor Ort zu entlasten. Wie lautet die Steigerung von Zynismus? Maizière?!

Während ich hier schreibe, spült mir der Kurznachrichtendienst Twitter folgende Nachricht in die Timeline:

Darum wurde Bivsi R. (14) direkt aus dem Unterricht nach Nepal abgeschoben

Bivsi (14) und ihr Bruder (18). In Deutschland geboren und aufgewachsen. Mittags aus der Schule gezogen und via Frankfurt nach Nepal verfrachtet. Mir fehlen die Worte. Aber das ist die Politik im Jahr 2017 denn:

Die AfD hat es geschafft!

Dank tatkräftiger Unterstützung vieler Medienhäuser, hat es die selbsterklärte Alternative für Deutschland geschafft, die mediale und politische Deutungshoheit im Umgang mit der sogenannten Flüchtlingskrise zu erlangen. Seit dem Eintreffen der ersten „Flüchtlingswellen“ setzt diese Zusammenrottung von xenophoben und ewig gestrigen „wir-waren-zuerst-hier“-Jammerlappen  immer wieder rassistische Nadelstiche und lässt die Mainstream Medien kafkaesk über das Stöckchen springen. Man könnte meinen diese Medien würden das Spiel irgendwann erkennen und sich darauf einstellen – Fehlanzeige. Der politische Diskurs rund um Themen wie Asylsuchende oder Ausländer im Allgemeinen angeht verschob sich in den vergangenen zwei Jahren immer weiter nach rechts. Allen voran die bayerischen Menschenverächter der CSU treten gerne aus dem Windschatten der AfD hervor und positionieren sich als Vaterlandsretter:

 

Das ist das Kalkül womit vermeintlich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: In den unliebsamen Herkunftsländern ein Zeichen setzen, in heimischen Gefilden verbliebene Wähler beruhigen und nach rechts abgewanderte zurückgewinnen. Dabei noch von Integration faseln, während ein offenbar gut integrierter 21-jährige afghanischer Berufsschüler aus seinem vertrauten Umfeld gerissen wird. Eine Langzeitstudie zur Wirksamkeit dieser Taktik endet am 24. September 2017 und wird uns vier Jahre lang erleuchten. Meine Prognose: Die „Alternativen“ kommen in den niedrigen zweistellig Bereich in den Bundestag, die ehem. SPD kratzt an der 20% Marke und die CDU verbucht trotz allem leichte Gewinne und feiert sich als großen Zampano. Die restlichen Spartenparteien kloppen sich um die verbliebenen Prozentpunkte, was dann am Ende entscheidet, ob es Jamaika oder Schwatzgelb wird. Wobei es erste Annäherungen zwischen Unionisten und Alternativisten im sächsischen Landtag gibt – ein Trend für den Bund? Warten wir ab.

Zurück zu Abschiebungen und Co.: Nein, wir müssen nicht Diskutieren, ob das sichere Empfangsland Deutschland alle fliehenden dieser Welt aufnehmen kann. Kann es nicht. Können wir nicht. Aber worüber wir diskutieren müssen, ist unsere Rolle in dieser Welt und zwar aus drei Blickwinkeln:

Historisch

Gegenwärtig

Zukünftig

Wer in Deutschland geboren wird kann sich als Gesegnet betrachten. Dieses Land strotzt vor Überfluss und Wirtschaftskraft, daraus resultiert Macht und Einfluss und genau da liegt der Hund begraben, warum ich mich immer unwohler fühle.

Unser Wohlstand 

Wir importieren alles was wir nicht selber haben – bspw. seltene Erden – und machen daraus (meist) hochwertige Industrieprodukte, die wir dann verkaufen und uns zum europäischen Export-Meister machen. (Welche Auswirkungen das auf die Eurozone hat, wird nun endlich in einem etwas breiteren Rahmen diskutiert – mit grausen erinnere ich mich aber an die „Griechenland-„Rettung““.) Aus diesem Exportüberschuss resultiert der metaphorische Riesenpimmel, den, besonders Unionsvertreter, jedem vors Gesicht halten, der es wagt Kritik am „Deutschen Weg“ zu äußern. Fremdschämen Deluxe, etwas anderes lösen diese bornierten Wählerfänger bei mir nicht mehr aus. Ja, uns geht es gut, einigen wenigen sogar so gut, dass Sie selbst, ihre Kinder und Kindeskinder wohl nie mehr arbeiten müssen. Andere, und die Zahl ist um Faktor 1.000 höher, kratzen an der Armutsgrenze – aber, „da ist ja noch Luft nach unten“, höre ich einen der magentafarbenen Sozialdarwinisten laut denken. Gut, dass es alle vier Jahre Bundestagswahlen gibt, da kann man vorher schön mit Steuersenkungen und Co. vor des Wählers Nase herum wedeln. Doof ist nur, wenn selbst das naivste Wahlvieh den Braten irgendwann riecht und sich wütend abwendet – leider ist die politische Neuausrichtung meist weit rechts am Rande der demokratischen Grundordnung oder darüber hinaus. Gut, das ist nichts Neues, aber dafür dieser Tage besonders ausgeprägt. Aber ich schweife ab, hier und heute soll es nicht um Wahlkampf und innenpolitische Themen gehen.

…ist deren Armut!

Wobei… doch. Die ehem. SPD hat den Wirtschaftsstandort Deutschland zum europäischen Zugpferd gemacht; die Agenda 2010 als Heilsbringer! Das freut die Wirtschaft, das schafft (mies bezahlte) Arbeitsplätze! Das bessert die Statistiken auf und mit denen kann man Wahlen gewinnen. Bisher.

Du magst mich einen Träumer nennen, aber wie sehr würde ich eine Partei feiern, die die Volksparteien mit offenem Visier „angreift“ wie es eine „AfD“ macht – allerdings mit sachlichen Argumenten und frei von neo-liberaler und rassistischer Ideologie, Hass und Ausgrenzung. Eine Partei, die die zahlreichen krassen Unzulänglichkeiten des „Establishments“ aufgreift und den salzigen Finger wieder und wieder in die Wunde legt. Eine Partei die aufrüttelt, sich auf die Lösung  des Kernproblems konzentriert. Eine Partei die erkennt, dass der „Weg des Westens“ Wohlstand in selbigen gebracht hat, aber in vielen anderen Teilen der Welt bestenfalls einen moderaten wirtschaftlichen Aufschwung. Das Gros des Wohlstandes fließt immer zurück zu uns. Das freut die Wirtschaft, das schafft (mies bezahlte) Arbeitsplätze. Das bessert die Statistiken auf und mit denen kann man Wahlen gewinnen. Bisher.

Wir stehen vor tiefgreifenden Veränderungen

Gegenwärtig fühle ich mich wie der sprichwörtliche Frosch im erhitzenden Kochtopf. Nur sind da sehr viele Frösche, es steigen bereits Blasen auf, die große Masse meiner Artgenossen sitzt aber gemütlich im Wasser und quakt vor sich hin. Aber ich will raus, mir wird’s zu heiß. Einige stimmen mir zu, versuchen ebenfalls den Rand des Topfes zu erreichen, scheitern aber – andere wenden sich ab und stimmen demonstrativ in das kakophone Quaken ein – Quaaaakstum – klingt wie „Wachstum“.

Das einzige, das ewig wächst? Tumor!

Wachstum. Segensbringer und die Lösung aller Probleme. Weil Vollbeschäftigung und Reichtum für alle. Problem dabei ist die Umweltverschmutzung. Die Finanzierungskraft des Kapitalismus hat uns zu schnell entwickelt. Innerhalb eines Menschenlebens hat der Mensch ganze Landstriche mit Beton versiegelt, Industrien entwickelt die, unserer innewohnenden Faulheit folgend, unser Leben einfacher machen (sollen) oder einfach nur bunter, schöner, lebendiger.

Rio De Janeiro, Brazil
Quelle: Oldpicsarchive.com – click it

Die Kehrseite der Medaille haben wir jahrzehntelang nicht bemerkt und dann ignoriert. Der Amerikaner würde sagen „We fuck it up“ – wir nehmen uns unsere eigenen Lebensgrundlage. Die Lebensgrundlage in einer zu großen Teilen industrialisierten Welt. Hier und hier hatte ich schon mal darüber fabuliert was unser Konsum anrichtet.

„So lange unsere Verbraucherpreise die Umweltbelastung der Herstellungsprozesse und Lieferkette nicht einkalkulieren, ist es aussichtslos auch nur im entferntesten auf ein gutes Ende zu hoffen- solange der Mensch sein Schaffen dem Profit unterordnet, wird das nicht passieren.“

Ich füge hinzu: erst recht nicht, wenn wir weiter dem Wachstum huldigen und immer wieder die wählen, die in blindem Gehorsam den Wünschen der Wirtschaft folgen. In den kommenden Jahren müssen wir uns entscheiden, ob wir harte, sehr harte Entscheidungen fällen und unseren heutigen Wohlstand drastisch zurückschrauben oder ob uns die Sintflut nach uns egal ist und wir feiern bis nichts mehr zu verfeiern da ist, weil es entweder abgesoffen oder abgebaut/ausgerottet ist. Wir leben in einem Wahn der uns keinen Sinn verleiht, denn, Hand aufs Herz, wie lange macht uns unser Konsum glücklich? Die Glückshalbwertszeit eines neuen Kleidungsstückes bewegt sich in der Haltbarkeit einer Knolle Knoblauch – aber der Knoblauch kann umweltgerecht nachwachsen – die Produktion des Kleidungsstückes verseucht ganze Landstriche. Und dieses Beispiel ist verhältnismäßig harmlos – denke ich doch an die Produktion von Pharmawirkstoffen, bspw. in Indien:

Rund um Fabriken in Indien, wo fast alle großen Pharmakonzerne produzieren lassen, sind große Mengen an Antibiotika in der Umwelt. So entstehen gefährliche, resistente Erreger, die sich global ausbreiten. Das zeigen Recherchen von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“.

Ich stelle also die Eingangsfrage: Wer wollen wir sein? Die erste global vernetzte Generation, der alle Daten und Kontakte zur Verfügung stehen um die Fehler der Vergangenheit und Gegenwart zu korrigieren? Oder bleiben wir die egoistische Spezies die sich in ihrem Konsumwahn selbst ausrottet?

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s