Vom Tag der Deutschen Zwietracht nach Utopia

Knapp eine Woche nach der 19. Bundestagswahl jährt sich der Tag der Deutschen Einheit zum 27. Mal. Wie soll man darauf reagieren, nach diesem Wahlergebnis und den nicht enden wollenden Ansagen der Union, man solle doch gefälligst wieder nach rechts rücken. Etwa dieser CDU-Tillich, der der AfD nachplappert, dass Deutschland Deutschland bleiben muss – weil die Leute das nun mal so wollen und:

Stanilslaw Tillich, CDU, Ministerpräsident Sachsen: "Wir haben Platz gelassen recht von der Mitte. Viele unserer Anhänger haben uns nicht mehr fürwählbar gehalten."

Statt den ernsthaften Versuch zu starten die Menschen wieder in die Mitte der Gesellschaft zu führen, will Herr Tillich also nach rechts rücken? Was. Ist. Das. Für. Ein. Scheiß. Signal? Fun Facts: Tillich ist sorbischer Abstammung. Und nach, ich nenne es mal „zweifelhafter“, Karriere in der Ost-CDU, kümmerte er sich ab 1990 innerhalb der CDU um die Belange ebenjener Ethnie. Herr Tillich spricht, neben Obersorbisch, Deutsch und Polnisch, auch Englisch, Französisch und Tschechisch. Sein Bundesland, dem er seit 2008 vorsteht, hat die geringste pro Kopf Verschuldung, seit seinem Amtsantritt hat sich der Schuldenstand gar halbiert – auf den Kopf gefallen ist der Mann also nicht. Im Fach Geschichte weist er allerdings arge Defizite auf – anders kann ich mir nicht erklären, dass ein Sorbe den AfD-Rassisten entgegenkommen will.

Die Ur-Nazis hatten ihre eigenen Pläne mit dieser Minderheit im Dreiländereck von Deutschland, Polen und Tschechien. Diese Pläne kann man in drei Phasen aufteilen:

Erste Phase ab Januar 1933: offener Terror

Verbot von sorbischen Vereinen, Gleichschaltung der Tageszeitung „Serbske Nowiny“, Hausdurchsuchungen, Zwangsaussiedlungen (erzwungene Assimilation), starke Einschränkung der Domowina, der Sorbischen Interessenvertretung.

Zweite Phase ab Juli 1933: Eindeutschungspolitik

Nach massiven Protesten, Demonstrationen in der Tschechoslowakei und einem internationales Memorandum, taktierten die Nazis um: Kultur und Sprache sollten ohne direkte Anwendung von Gewalt aus der Öffentlichkeit verdrängt werden. In Schulen und Kindergärten durfte nur noch Deutsch gesprochen werden, ab 1936 wurden Sorbisch sprechende Lehrkräfte umgesiedelt, und durch „deutschblütige“ ersetzt, Sorbisch gar als deutscher Dialekt propagiert, Sorbisch bzw. Wendisch wurde also verleugnet.

Dritte Phase ab 1937: Terror mit dem Ziel der Vernichtung der Sorben

gänzliches Verbot der Domowina. Verbot, Schließung und/oder Beschlagnahmung aller anderen übrigen sorbischen Zeitungen, Vereine, Gesellschaften. Archive, Bibliotheken, Verlage, Druckereien, Buchhandlungen und des sorbischen Museums. Deportationen in Konzentrationslager. Laut Himmler sollten die Sorben und andere slawische Völker sollten als „führerloses Arbeitsvolk unter der strengen und gerechten Leitung des deutschen Volkes berufen sein, an dessen ewigen Kulturtaten und Bauwerken mitzuarbeiten“. Einschränkung der Schulbildung. 1940 war in Nazikreisen davon die Rede, „daß die gesamte Wendei evakuiert wird.“ Die gesamte sorbische Bevölkerung der Lausitz sollte in andere deutsche Gebiete umgesiedelt werden. Nach der Schlacht von Stalingrad geriet dieses Vorhaben in den Hintergrund.

Quelle

Im Herbst 2017 steht dieser Mann dem Bundesland Sachsen vor, in welchem die AfD knapp stärkste Kraft wurde (fast jeder Dritte wählte am 24. September die Blaufaschisten), und ihm fällt nichts bessere ein, als der AfD weiter nach dem Mund zu reden? Was muss passieren, dass die Schwergewichte in der „Union“ verstehen, dass nichts Gutes heraus kommt, wenn man der AfD hinterher läuft. Die fühlen sich lediglich bestätigt und bekommen Oberwasser – und das seit vier Jahren. Seid’s deppert? Hast‘ da anna Bärne gerämmlt?

Ich bin empört! Indignez-vous!

27 Jahre nach dem Mauerfall kommt mir ein neuer antifaschistischer Schutzwall in den Sinn – wenn er doch nur helfen würde. Im Geiste befand ich mich schon an der Kasse eines Baumarktes, vollgepackt mit Mörtel und Greppiner Klinker – denn etwas hermachen soll er und halten soll er, tausend Jahre! Spaß beiseite, ich bekomme mehr und mehr das Gefühl, dass dieses Land im Grunde nicht in Links und Rechts oder Ost und West aufgespalten ist, sondern viel mehr in Progressiv und Konservativ und die Extreme der beiden Ausrichtungen nähren sich aus dem gleichen Punkt: Die zunehmende Veränderung.

Die einen flüchten in ihr Wunschdenken von früher, die anderen in Wunschdenken von Morgen. Mit dem Status Quo ist niemand zufrieden. Es gab Zeiten, da reichte eine florierende Wirtschaft als Kitt aus, um große Bevölkerungsteile zu einen. Diese Zeit ist vorbei – die kapitalistische Globalisierung schenkt uns die tollsten Smartphones und Co., vernichtet aber so viel mehr als nur Arbeitsplätze in heimischen Gefilden. Damit müssen wir umgehen. Also: Warum kombinieren wir dafür nicht das Beste von Progressiv und Konservativ? Wer sich um Tradition und Kultur sorgt, der schützt sie am besten, indem er sie lebt und pflegt – nicht indem er andere ausschließt. Wer sich den globalen Problemen aktiv stellen will, kann das am besten mit einer stabilen Basis in der Heimat. Wie wollen wir die Welt retten, wenn wir unsere eigene Heimat nicht unter einen Hut bringen? Ich bleibe dabei: Herrn Tillichs Rechtsruck ist mitnichten eine Lösung.

Während ich entsetzt die Ignoranz bestaune, mit der hier Politik gemacht und die Gesellschaft aufgespalten wird, sehe ich  Polizisten, in voller Kampfmontur, die auf friedliche Wähler und Demonstranten einprügeln und sie mit Gummigeschossen eindecken. Ich lese von über 800 Verletzten, sehe beklemmende Videos.

 

Worüber reden wir hier? In und rund um Barcelona wollen Menschen zu einem Referendum zur Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien gehen und werden von Policia und Guardia Civil übelst drangsaliert. Das Ergebnis dieses Referendums ist rechtlich nicht bindend. Illegal ist ein Referendum an sich aber auch nicht, im Prinzip ist es eine Meinungsumfrage und eben die lies der spanische Ministerpräsident Rajoy brutal niederknüppeln. Säuft der Mann Lack? Er hätte das Ergebnis zur Kenntnis nehmen können und dann, mit Hilfe eines Vermittlers, in Gespräche mit den Separatisten gehen können. Gut, damit wäre das Problem noch nicht gelöst, aber er hätte sich nicht mindestens 7,5 Millionen neue gemacht.  Was dieser 1. Oktober nach sich ziehen wird? Mir wird angst und bange. Die Franco-Diktatur ist erst 40 Jahre überwunden, kein halbes Menschenleben lang. Der letzte „franquistische“ Putschversuch ist in 1981 datiert und es würde mich nicht wundern, wenn es eine wachsende Zahl derer gäbe, die sich nach dem spanischen Wirtschaftswunder unter Franco zurücksehnen. Warum sollen die Spanier da anders gestrickt sein als die Deutschen? Der absolute Großteil der katalanischen Sezessionisten scheint aber progressiv getrieben.

Wo kommt der Unmut her?

Bei den spanischen Parlamentswahlen 2015 gab es ein ähnliches Beben wie dieser Tage in Deutschland. Die beiden bereits im Vorfeld angezählten dominierenden Volksparteien des „unvollkommenen Zweiparteiensystems“, die von Korruption geplagt und durch die herrschende Austeritätspolitik offen hinterfragten wurden,  Partido Popular (wirtschaftsliberale, konservative Christdemokraten) & Partido Socialista Obrero Español (Sozialdemokraten) verloren rapide an Wählern, minus 16% PP und minus 7% PSOE. „Podemos“, eine durch Crowdfunding finanzierte, basisdemokratische Linke, die sich dem demokratischen Sozialismus zugehörig fühlt, war, mit zwanzig neuen Prozentpunkten Stimmanteil, die lachende Dritte. Das spanische Wahlrecht zu erklären ginge hier zu weit, wen es dennoch interessiert: Klick.

Um es sehr kurz zu machen: Nach der Wahl des Abgeordnetenhauses (und des Senates) hält der König oder die Königin Sondierungsgespräche mit den im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien, anschließend gibt er/sie einen Vorschlag für das Amt des/der Ministerpräsidenten/in bekannt. Diese/r benötigt dann im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit – ausschließlich im Abgeordnetenhaus, der Senat ist außen vor. Wird diese nicht erreicht, folgt 48 Stunden später ein zweiter Wahlgang – hier reicht dann die einfach Mehrheit, heißt: Mehr Ja- als Nein-Stimmen, wobei die Enthaltungen außen vor sind. Wenn zwei Monate nach dem ersten Wahlgang des/der ersten Kandidaten/in kein Ministerpräsident/in feststeht, löst der König den Senat als auch das Abgeordnetenhaus auf. So kam es auch 2015:

Erster Versuch: Der Amtsinhaber Manuel Rajoy von der PP bat, da er keine Mehrheit sah, König Felipe IV ihn nicht als Ministerpräsidenten vorzuschlagen.

Zweiter Versuch: Pedro Sanchez, PSOE, lies sich zur Wahl aufstellen. Scheiterte im ersten Wahlgang mit 130 zu 219 Stimmen, bei einer Enthaltung und im zweiten Wahlgang mit 131 zu 219 Stimmen.

Die Verständigung auf einen gemeinsamen Kandidaten von PSOE & Cuidadanos (zentristische Liberale) und unter Einbeziehung von Podemos scheiterte. König Felipe kam seiner verfassungsgegebenen Pflicht nach, löste beide Kammern auf und setzte Neuwahlen an.

Bei diesen Neuwahlen im Juni des vergangenen Jahres, schlug die demokratische Schwäche des spanischen Wahlsystems, das kleine landesweit antretende Parteien stark benachteiligt, voll durch: Die Cuidadanos verloren zwar nur 0,89% Stimmanteil im Vergleich zu 2015, das bedeutete aber Einbußen von 8 Sitzen im Abgeordnetenhaus – von 40 runter auf 32. Den linken Parteien wäre es eigentlich auch so ergangen, aber durch die Gemeinschaftskandidatur der vier Parteien, wurde dieser Effekt umgangen – trotz Verlust von 3% ein Zugewinn von 2 Abgeordneten, von 69 rauf auf 71. Und jetzt, liebe „Schwampel“, oder „Jamaika“-Freunde, wird es interessant, denn es gab nach wie vor keine klare Mehrheit:

Der amtierende Miniterpräsident Rajoy, versuchte, durch eine Übereinkunft mit Cuidadanos (Liberale), eine Mehrheit zu erlangen – und scheiterte doch mit 170 zu 180 in beiden Wahlgängen. Der PSOE-Generalsekretär und Spitzenkandidat, Sanchez, stimmte gegen Rajoy und so tat es seine ganze Partei. In der Zwischenzeit und zwei verpatzten Regionalwahlen, traten 17 PSOE-Parteivorstandsmitglieder zurück, infolge dessen kam es zu einer Führungskrise die Sanchez zum Rücktritt zwang. Die im Nachgang eingesetzte zehnköpfige „geschäftsführende Kommission“ übernahm das PSOE-Ruder und auf der anschließenden Parteiratssitzung entschied man sich Rajoy durch eigene Enthaltung als Ministerpräsidenten einer Minderheitsregierung zu ermöglichen: Erster Wahlgang 170 zu 180. Zweiter Wahlgang 170 zu 111. Es blieb also alles beim alten, wenn auch in anderen Farben.

Das sich bei diesem Schauspiel jede Menge Frust im linksorientierten, wobei man in Spanien vorsichtig sein muss, was die links-rechts Ausrichtung angeht, Katalonien entsteht, ist meiner Meinung nach sehr nachvollziehbar. Man gewinnt Abtrünnige nicht zurück, indem so weitergemacht wird wie bisher. 2008 zeigte eine Befragung, dass 35% der Katalanen eine Unabhängigkeit von Spanien befürworten, 45% waren dagegen. Mitgetragen von den Bildern des 1. Oktober scheint das „Ja-Lager“ nun bei rund 90% zu liegen. Durch den Einsatz von Gewalt hat Rajoy Katalonien also endgültig verloren.

Kurz vor unserem Nationalfeiertag frage ich mich: Kann es auch in Deutschland zu so einer Eskalation kommen? Ich fürchte ja: Wo viel Macht konzentriert ist, wird ebendiese mit aller Macht verteidigt und mit genug Druck auf dem Kessel sowie einer kritischen Masse an ungewaschener Wäsche, geht das überall. Ja, auch diese Form von Polizeigewalt. We’ve been there, we’ve done that.

Genügend Hardliner an den Hebeln haben wir ebenfalls – die Herren Dudde und Wendt, als Beispiel. Auch in der Politik gibt es genügend Beispiele, denen ich den Befehl zum Draufhauen  zutraue. Bei G20 haben wir schon gesehen, wie auch unsere Polizeikräfte austicken und den Boden der Rechtsstaatlichkeit verlassen können.

Zur Erinnerung: Die Kennzeichnungspflicht für vollgepanzerte Polizisten wackelt oder ist schon gefallen. Wikipedia dazu:

„Bisher gibt es in der Bundesrepublik Deutschland eine Kennzeichnungspflicht für Polizisten in Berlin, Brandenburg, Bremen, Hessen, Nordrhein-Westfalen (Am 13. Juli 2017 beauftragte der NRW-Landtag mit den Stimmen von CDU, FDP und AfD die Landesregierung, einen Gesetzentwurf zur Abschaffung der Kennzeichnungspflicht für Polizisten in Nordrhein-Westfalen auszuarbeiten), Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen. In Hamburg ist das Tragen von Namensschildern vorgesehen, jedoch nicht für alle Polizeibeamte verpflichtend. In Baden-Württemberg, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Saarland, Sachsen und bei der Bundespolizei gibt es keine Kennzeichnungspflicht.“

Frage: Mit welcher Begründung verwehrt sich eine Demokratie gegen die Kennzeichnung, und ich spreche hier keineswegs von Klarnamen, Ihrer Polizisten im Einsatz? Die Polizei als ausführende Kraft des Gewaltmonopols, hat eine elementare Verantwortung der Gesellschaft gegenüber – weil diese ihr Vertrauen können muss. Wie will man dieser Verantwortung nachkommen, wenn Fehlverhalten nicht klar benannt und adressiert werden kann? Ein Gewaltmonopol darf nicht bedeuten, dass Gewalt durch Polizeikräfte ausgeübt werden kann, die in der faktischen Vollmaskierung durch Schutzausrüstung, nicht aufgeklärt werden kann. Das ist eine Farce, eine gemeingefährliche noch dazu.

Sollte eine AfD jemals an der Schaltzentrale der Macht sitzen… dann können die ihre perversen Gewaltphantasien ausleben und dem linksgrünversifften Gutmenschentum endlich mal so richtig, richtig die Fresse polieren. Der feuchte Traum von Arppe, Poggenburg, Luthe, Höcke und Companions.

Wo wir heute also unsere Wiedervereinigung zum 27. Mal begehen: Was hält uns zusammen? Der Glaube an unser starkes Grundgesetz? Das ist ein gutes Fundament, aber kein Zukunftsweiser. Ansonsten fällt mir nicht viel ein, was den Großteil der Gesellschaft vereinigt. Der Glaube an Europa schwindet, ein Konzern nach dem anderen gerät wegen krummer Dinger in Verruf, die Schutzmacht USA ist auch nicht mehr das, was sie mal sein wollte und überhaupt ist dieses ganze „Wir, die Guten, gegen die, die bösen“ nicht mehr so klar trennbar. Der Klimawandel zeichnet seine Konturen von Jahr zu Jahr klarer und die Politik an sich antwortet darauf mit billigem Populismus. Was hält uns zusammen, dass uns die eine wirkliche Krise mit größeren Fliehkräften nicht auseinanderreißt?

Der Mensch ist das komplexeste Wesen, das auf diesem Planeten lebt – im Idealfall auch das intelligenteste. Ich denke er benötigt die Idee einer Welt, in der wir alle Leben wollen, an die wir glauben können, weil kluge Köpfe unterschiedlichster Couleur zusammensitzen, argumentieren und diskutieren, beraten und abwägen, empirische Daten einbeziehen, die in dieser Menge und Qualität noch nie zur Verfügung standen – eine Utopie! Wir brauchen die Vielfalt, die diese Erde und auch und gerade uns Menschen ausmacht, den Konsens das wir alle Eins sind und denselben Ursprung haben und in eine geteilte Zukunft gehen. Geteilt im Sinne von gemeinsam und solidarisch, nicht im Sinne von Trennung.

Solidarität bedeutet nicht, jemandem zu helfen weil er darum bittet. Solidarität bedeutet von sich aus, aus eigenem Antrieb zu helfen, weil ich sehe, dass Ungerechtigkeit geschieht oder es einem anderen Menschen schlecht geht. Solidarität bedeutet zu teilen wenn man mehr hat als die Meisten. Solidarität bedeutet jemandem eine Last abzunehmen, wenn man selbst noch Kraft hat. Solidarität bedeutet wohlwollend auf jemanden zu schauen, statt herablassend hinunter.  Solidarität endet nicht am Freundeskreis oder an einer Landesgrenze. Sie ist universell oder gar nicht.

Jedoch ist unsere Gesellschaft ist so weit von Solidarität entfernt: Uns ist es egal, ob in Bangladesch eine Textilfabrik einstürzt und hunderte Menschen unter sich begräbt. Egal auch, dass die Abwässer dieser Fabrik ganze Landstriche verseuchen – wir kaufen aber genau diese Produkte bei H&M, Primark und Co. für keine fünf oder zehn Euro, obwohl unser Kleiderschrank aus allen Nähten platzt.          Uns ist es egal, wenn Apples Foxconn-Mitarbeiter sich auf der Arbeit das Leben nehmen, indem sie sich aus dem Fenster stürzen – wir kaufen aber deren überteuerte Statussymbole, genannt Smartphones.        Uns ist es egal, ob wir Waffen und Kriegsgerät an Diktaturen und andere Schergen verhökern – wundern uns dann aber über Flüchtlingswellen, -fluten, -ströme, -krisen.          Uns ist es egal, dass unsere billigen Lebensmittelexporte nach Afrika deren eigener Agrar und Lebensmittelwirtschaft die Existenzgrundlage nehmen – andersherum importieren wir kaum Lebensmittel aus Afrika, weil wir mit Zöllen unsere eigene Wirtschaft schützen. Uns ist es egal, dass unsere Industriefischer die Fischbestände vor Afrika leeren – wir schütteln aber den Kopf, wenn Somalische „Piraten“ sehen die Handelsschiffe angreifen und kapern. Diese Piraten waren mal Fischer und Bauern.    Uns ist es egal ob für unser Benzin, Heizöl und Gas, sowie seltene Erden für die Elektronikindustrie Blut vergossen wird oder ob der Bau von Pipelines und deren anschließende Leckagen ganze Landstriche vergiften.         Uns ist es egal, dass unser Elektroschrott nach Nigeria und Co. verschifft wird, wo ihn Kinder ausschlachten und sich dabei vergiften.        Uns ist es egal, dass unsere Flugreisen ein absolut vermeidbares Klimaproblem darstellen – für 70 Euro durch Europa oder 500 nach Übersee! Urlaub muss sein! Am besten mehrmals pro Jahr!    Wir kaufen Lebensmittel, die vollkommen sinnlos mit Vitaminen vollgepumpt sind, um unser Wohlbefinden zu verbessern. Dass diese Vitaminproduktion aber in China stattfindet und „Man  sich die Synthetisierung von Vitaminen als klinisch reinen Vorgang vorstellen mag. In Wahrheit ist es ein industrielles Verfahren, oft unter Verwendung von Metallen wie Nickel, bei dem giftige Abwässer und Abgase entstehen, feiner schwarzer Dreck, der dem Himmel über Shijiazhuang die Farbe nimmt.“ ist uns, erraten!, egal.           Uns ist es egal, dass uns unser technologischer Fortschritt die Lebensgrundlage immer mehr Menschen nimmt – es ist ja alles so geil einfach und bequem.   Uns ist sogar egal, dass wir mehr über das unendliche! Weltall wissen, als über unsere eigene Tiefsee.           Uns ist es sogar egal, wenn Menschen durch die Trash-Manege des Privatfernsehens gezogen, gedemütigt und entwürdigt werden – ist ja witzig und es zwingt sie niemand dazu. Selbst schuld, quasi. Soviel zur Solidarität.

Das alles darf uns nicht egal sein, wenn wir irgendwann in einer besseren Welt aufwachen wollen. Aber um genau da hin zu kommen, braucht es eben eine Utopie. Ein großes Ziel für uns alle. Das beginnt bei unserem Bildungswesen, das vollkommen überholt und kontraproduktiv ist; züchtet es doch nur folgsame Arbeitsbienchen. Wir benötigen aber frisches Denken in alle Richtungen. Querdenker/innen, Entdecker/innen und Ausbrecher/innen aus dem Status Quo. Richard David Precht gibt da sehr gute Denkanstöße:

 

 

Auch ich kann meinen Teil dazu beitragen: Ich selbst war eine absolute Niete in Fach Deutsch. Meine Lehrkörper sind reihenweise an mir verzweifelt. Meine letzte Klassenarbeit in der 10. Klasse endete gar in einer glatten Sechs – die Arbeit bestand zu 100% aus dem Zweig Grammatik. In habe bis heute keine Ahnung, was ein Pronomen oder ein Akkusativobjekt ist – ich weiß, dass es sie gibt aber das war’s. Dennoch scheint es mir, dass ich diesen Blog einigermaßen verständlich mit Inhalt fülle, oder? (Ich bin mir meiner Schwäche was die Kommasetzung angeht durchaus bewusst.) Das ist doch beachtlich, wenn ich bedenke, dass ich mich über eine Dekade durch die Schule quälen musste und mir selbst einredete, ich sei zu dumm oder zu faul für fast alles was da von mir verlangt wurde.

Der Beginn meiner Utopie liegt also in phantastischer Bildung der nachfolgenden Generationen, führt über ein frisches Bewusstsein über unseren Platz auf der Erde, in Koexistenz zu unserer Umwelt und nicht in deren Ausbeutung für kurzfristige Gewinne, Konsum & Glück, hin zu einer neuen Art des Umganges miteinander, des Wirtschaftens und auch des Glaubens. Das ganze ist ein Jahrhundertprojekt, nichts was wir nebenbei auch noch erledigen.

Kleinstaaterei als Lösung?

Ich denke also neu und komme zurück nach Katalonien. Was, wenn deren Abspaltungsbestreben nichts Schlechtes, viel mehr eine Chance bedeutet? Natürlich nicht unter den gegebenen Zuständen, sondern langfristig. Sind die großen Staaten, wie wir sie kennen und gewohnt sind, mit Ihrem Machtzentrum in einer Hauptstadt der beste Ansatz? Wären Regionalstaaten, oder wie immer man es nennen mag, unter einem reformierten Dach der EU nicht besser? Klingt verdammt kompliziert, aber Demokratie ist nicht die beste Staatsform die wir kennen, weil sie so schön einfach und bequem ist. Im Gegenteil. Sie ist komplex, teuer und kostet jede Menge Arbeit. In dieser reformierten EU setzten die Regionalvertreter die nachhaltigen Spielregeln und Mindeststandards fest, das ganze gerne nach Referenden in ihrem jeweiligen Regionalstaat und an die muss sich dann jeder halten der wirtschaften will. Wer es besser machen kann und will, darf das gerne tun. Jeder kann seine regionalen Sonderheiten pflegen, schützen und seine Stärken nutzen. Das alles ist selbstverständlich innerhalb der Utopie gedacht.

Wenn wir das unsere Politik überlassen, können wir ewig warten. Also lade ich dich herzlich dazu ein, über Utopia nachzudenken und das Ergebnis mit mir zu teilen und zu diskutieren. Schreib mir per Mail (hysterixcristata@web.de) oder auf Twitter (@hysterixblog). Auch verschlüsselte Kommunikation via Threema oder PGP ist auf Anfrage möglich.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: