Gräuel

Ich öffne meine Augen, doch mehr als einen kleinen Streifen Licht können meine trüben Pupillen nicht einfangen. In dem Lichtstreif wabert die modrige Luft, die ich gezwungen bin zu atmen, angereichert mit Staub und undefinierbaren Partikeln. Überall ist Dreck. Unter mir, über mir und auf mir, in jeder Pore und Falte meines geschundenen Körpers, an dessen Schmerzen ich mich fast gewöhnt habe. Ich überlege aufzustehen, wenigstens den Kopf zu heben, doch sollte überhaupt ein neuronaler Impuls durch meine Körper geflossen sein, ist er irgendwo zwischen Rückenmark und Beinen versandet. Ich kann nicht. Angst übermannt mich. Dann fallen meine Augen zu.

Ein neuer Schmerz reisst mich aus dem Nichts. Für einen kurzen Moment gruben sich Zehen in meine Brust. Jemand ist über mich gefallen, auf mir gelandet und dann zu Boden gesackt. Nun starren wir uns gegenseitig an, bewegungsunfähig und stumm. Bevor sich ihre Augen schließen, meine ich ein kurzes, leises Brummen zu hören. Atmet sie noch? Ein Erinnerungsfetzen schießt in mein Bewusstsein: Auch ich stürzte, denn meine Beine versagten ihren Dienst – konnte mein eigenes Gewicht nicht mehr tragen.

Meine erneute einsetzende Bewusstlosigkeit realisierte ich gar nicht. Mein linkes Auge blickt immer noch auf den reglosen Körper meiner Nachbarin. Ich bin mir fast sicher, dass sie tot ist. Ich möchte sie ansprechen, anstupsen, doch meine Muskeln verweigern jegliche Bewegung. Wie ein einziger endloser Glockenschlag hält mich die pulsierende Taubheit am Boden. Wann habe ich das letzte Mal etwas getrunken? Ich weiß es nicht. Die fast vertraute Dunkelheit schlägt ihre stumpfen Krallen in meinen Geist.

 

Um mich herum ein Gewühl von gesichtslosen Gestalten. Meine Sinne sind geschärft. Jedes Geräusch gräbt sich in mich und scheint mich zu spalten wie der Blitz den Baum. Jeder Lichtimpuls erzwingt ein retinales Feuerwerk aus weißem Schmerz. Der Gestank brennt sich durch meine verstopften Atemwege. Der Boden ist trügerisch warm, mir wird heiß, dann kalt, dann wieder heiß. Das unruhige Gemurmel um mich herum wird lauter. Sieht mich niemand?

Das dumpfe Dröhnen findet ein abruptes Ende. Ich kann den Lichtstreif nicht finden, das Schwarz ist vollkommen. Ich atme langsam ein. Die Angst weicht von mir. 

http://www.upc-online.org/fouling.html
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