Humans of Late Capitalism – Chapter I

This is the end, beautiful friend
This is the end, my only friend, the end
Of our elaborate plans, the end

Vor fast genau sechs Monaten, einen Tag nachdem ich meinen Kommentar „Wer wir sein wollen“ veröffentlicht hatte, erregte ein SPON-Artikel meinen Unmut, denn „[zum Klimaschutz] Notwendige Veränderungen werden uns als „Liste des Schrecken“ verkauft.“ Das ganze verleitete mich dann zu folgender Aussage:

„By the way offenbart das ganze die widerliche Bigotterie der letzten 18 Stunden. Ein Jonald T. Dump wird medial und politisch zerrissen, weil er tut was er immer angekündigt hat – einen großen Haufen auf den Klimaschutz setzen! Unsere Bundesregierung sonnt sich derweil im Lichte des Pariser Klimaschutzabkommens, versagt bei der Umsetzung aber auf ganzer Linie – wo wir wieder bei den Wirtschaftsinteressen sind, die über allem stehen.“

Ein halbes Jahr und eine Bundestagswahl später, stehe ich hier, ich armer Tor und bin so wütend als wie zuvor… . Was soll ich sagen? Die abgewählte Bundesregierung, der jede/r fünfte Wähler/in die Stimme verweigerte, sitzt aktuell in Berlin zusammen und sondiert sich die nächste ProKo – das steht (zu Recht) für Prokrastinierende Koalition – zusammen. Die erste Kuriosität an dieser gruseligen Versammlung sind die nackten Zahlen der Sondierenden. Die SPD schickt 23 Sondierende, die CDU 24 und die CSU 27. Ja, richtig gelesen. Siebenundzwanzig! Die Splitterpartei aus dem Südosten der Republik schickt die größte Truppe. Das passt ins Bild dieser bayuwarischen Pöblerpartei um Seehofer, Dobrindt, Söder & Scheuer. Gemessen am Wahlergebnis, staune ich Bauklötze.

Machen wir eine Milchmädchenrechnung, denn da stehen Populisten drauf:

23 + 24 + 27 = 74 = 100%

Die CSU hat bundesweit einen Stimmanteil von 6,2%. Bedeutet im Dreisatz:

74 : 100 = 0,74

0,74 x 6,2 = 4,58

Da wir ja großzügig kaufmännisch aufrunden, dürften die Rebellen aus dem Süden, die so gern Imperium spielen würden, ganze fünf Sondierende nach Berlin schicken. Fünf. Die Fünf (5) ist die natürliche Zahl zwischen Vier und Sechs. Sie ist ungerade und eine Primzahl. Oder für die CSU: Die Fünf ist an einer (gesunden) Hand abzuzählen. Und die Fünf spült passende Redewendungen in meinen Cortex: Das fünfte Rad am Wagen sein, zum Beispiel. Oder, dass uns die Politik gerne mal ein X für ein U vormacht. (Ich weiß: Witze die man erklären muss sind nicht witzig – aber is‘ mir egal!) Kurzum, eine rundum passende & ausreichende Zahl für die CSU.

Mit am Sondierungstisch „Landwirtschaft & Verbraucherschutz“ sitzt auch der Christian Schmidt. Das ist der dreiste, Lobby-gebutterte Energiespar-Kronleuchter, dessen „Ja“ in der EU-Kommission das Pflanzengift „Glyphosat“ (Roundup) für fünf weitere Jahre auf Europas Äcker bringt. Gegen den Willen der Bundesregierung, so heißt es offiziell, denn die Bundesumweltministerin Hendricks und der Agrarminister Schmidt waren sich in dem Thema uneins, daher, so die Kanzlerin, hat er gegen die von der Bundesregierung ausgearbeitete „Weisungslage“ verstoßen. Deutschland hatte sich bisher enthalten, was auch Schmidt erneut hätte tun müssen. Doch der verteidigt sich, er habe „im Sinne des Landes“ gehandelt“, denn „ein Ressortminister müsse entscheiden können“, weil „sonst sei er kein guter Ressortminister.“ Dem stimme ich grundsätzlich sogar zu, bzw. begrüße die Chuzpe eben eine Entscheidung zu treffen, wenn andere zögern. Aber ausgerechnet beim Thema Glyphosat? In Zeiten des Insektensterbens? Man lasse sich das folgende auf der Zunge zergehen:

„Nach zwei vergeblichen Anläufen im Oktober und Anfang November gab es im zuständigen Ausschuss der EU-Kommission heute eine qualifizierte Mehrheit für die Verlängerung der Zulassung des Herbizid-Wirkstoffes Glyphosat um fünf Jahre. 18 der 28 EU-Länder stimmten dafür. Sie repräsentieren 65,71 Prozent der europäischen Bevölkerung. Für eine qualifizierte Mehrheit waren 55 Prozent der Staaten nötig, die 65 % der Bevölkerung repräsentieren.“

Quelle

Like a fucking glove! Punktlandung, Herr Schmidt! Das ganze wurde zum Politikum, weil, wie bereits angedeutet, sich Deutschland zuvor in Enthaltung geübt hatte, da sich Schmidt (Agrar) und Hendricks (Umwelt) uneins waren und offenkundig sind.

Glyphosat

Kommen wir zum Verursacher dieses Politikums, denn an diesem Zeug scheiden sich die Institutionen. Die Euroäpische Chemikalienagentur sagt, dass Glyphosat nicht Krebserregend ist. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (WHO) stuft es als „wahrscheinlich Krebserregend“ ein und das „Joint Meeting on Pesticide Residues“ (ebenfalls WHO) kommt zu dem Schluss, dass es, nach derzeitigem Stand der Wissenschaft und „bei bestimmungs-gemäßer Anwendung“ kein Risiko für den Menschen darstellt. Das Thema darf also als kontrovers angesehen werden.

Jenseits der Bürokratie ist Glyphosat eine Mulit-Milliarden-Dollar-Cashcow. 1971 von Monsanto als Herbizid „Roundup“ patentiert, werden in Deutschland davon im Mittel ca. 5.000.000 kg jährlich abgesetzt. Global wurden 2012 ca. 720.000.000 kg hergestellt.

Nun, schaue ich mir eine beliebige Spezifikation von „Roundup“ an, erfahre ich, dass es zu

  • ~44% aus Kaliumsalz vom Glyphosat (Eingestuft als „H411 Giftig für Wasserorganismen, mit langfristiger Wirkung“),
  • ~20% aus Alkylpolyglycoside (Eingestuft als „H318 – Verursacht schwere Augenschäden“),
  • ~3% aus Nitroryl (Eingestuft als a) „H302+H332 Gesundheitsschädlich bei Verschlucken oder Einatmen“ , b) „H315 Verursacht Hautreizungen“, c) „H318 Verursacht schwere Augenschäden“ und d) „H412 Schädlich für Wasserorganismen, mit langfristiger Wirkung“)
  • und ~33% aus „Wasser und Formulierungshilfsstoffen“ (nicht als gefährlich eingestuft)

besteht. Besonders um die letzten beiden Stoffe sind Diskussionen entbrannt. Nitroryl wird sehr argwönisch betrachtet und was genau unter Formulierungshilfsstoffen zu verstehen ist, ist unbekannt. Derzeit gibt es keine Erkenntnisse, dass selbige Gesundheits- oder Umweltschädlich sind, allerdings besteht der Verdacht, dass diese Zusätze die Auswirkungen der anderen Inhaltsstoffe beeinflussen:

„Außerdem wird auch das Glyphosatsalz im fertigen Herbizid normalerweise nicht in reiner Form ausgebracht. Neben dem Wirkstoff Glyphosat enthalten sie unterschiedliche Beistoffe (auch Formulierungshilfsstoffe, oder Adjuvantien), die die Eigenschaften des Produkts in einer für die Anwendung günstigen Weise verändern sollen. Insbesondere besitzt Glyphosat, als sehr polarer Stoff in reiner Form nur geringe Wirksamkeit, da es von der hydrophoben Kutikula der meisten Pflanzen abperlt. Es werden daher als Tenside wirksame Beistoffe beigegeben (im englischen: surfactants); die Zusammensetzung eines Pflanzenschutzmittels aus Wirkstoffen und Beistoffen nennt man „Formulierung“. Seit längerem ist bekannt, dass die Toxizität des fertigen Herbizids nicht nur von seinem Wirkstoff, sondern in kritischer Weise von den Beistoffen, oder der Wechselwirkung zwischen diesen Komponenten, abhängt; dabei kann die Toxizität des Beistoffs weitaus höher sein als diejenige des Wirkstoffs.“

Quelle

Dummerweise, sind wir hier nicht in der Mathemathik, wo Minus mal Minus Plus ergibt. Aber: Wir schmeißen das Zeug kilotonnenweise auf unsere Äcker. Und wundern uns dann über tote Insekten und sowas hier:

Das perfide an dem Dreckszeug ist, dass Monsanto sein Saatgut per Gen-Veränderung resistent gegen Roundup macht. Bedeutet, dass der Roundup einsetzende Bauer alles abtötet, außer seine Nutzpflanze. Zusätzlich ist Monsanto Marktführer was Saatgut allgemein betrifft. Außerdem reproduzieren sich die Erträge dieses Saatguts nicht – auch so eine Genmodifikationsschweinerei. Das Zeug ist quasi unfruchtbar und zwingt Bauern auf der ganzen Welt jedes Jahr neues Saatgut zu kaufen, statt einen Teil der Ernte zurückzuhalten und im nächsten Jahr auszubringen. So wie es der Mensch Jahrtausende gemacht hat. Für Monsanto ist sein Saatgut+Roundup das „Rundum-Sorglos-Paket“ – für viele Landwirte auf diesem Planeten eher ein Teufelskreis. Aber merke!: Christian Schmidt hat im Sinne des Landes gehandelt. Dass der größte Hersteller dieses Giftes zwischenzeitlich vom zweitgrößten deutschen Chemiekonzern „Bayer“ übernommen wurde, hat damit überhauptreingarnichtsnienicht zu tun. Capitalism, fuck yeah!

Meine Erwartungen an die ehem. SPD sind erfahrungsgemäß sehr niedrig, dennoch hätte ich erwartet, dass man sich weigert, mit diesem Schmidt über das Ressort Landwirtschaft/Verbraucherschutz (Ver-brau-cher-schutz!) zu sondieren. Mit so einem Individuum sondiert man nicht. Das ist, als würde man mit dem Schul-Rowdy verhandeln, wer die Pausenaufsicht hat.

Für den oder die empathische/n Leser/in sei noch hinzugefügt, dass die Verbrechen dieses Saatgut-Monsters in anderen Regionen unfassbare (sic!) Auswirkungen hat. In Indien bringen sich regelmäßig Bauern um, indem Sie das Glyphosat selbst saufen (und sich wahlweise danach auf dem eigenen Feld mit Benzin übergießen und anzünden). Sogar die ARD hat darüber berichtet. Erinnerung: Wir schmeißen 5.000.000 kg Glyphosat pro Jahr auf unsere Äcker. Was hier kaum jemand zu betrachten scheint: Das Zeug bleibt zu großen Teilen in der Umwelt, genau wie Pharmazeutika-Rückstände, verschiedene Salze, Mikro-plastik, Hormone & hormonwirksame Stoffe und weiß der Teufel was wir alles produzieren und dann am Ende in unserer Umwelt landet. So entsteht ein Cocktail dessen langfristige Wirkung niemand vorhersehen kann. Aber am Ende jammern wir alle ganz laut über verseuchte Böden und verseuchtes Trinkwasser. Und keiner kann sich erklären, wie es dazu kommen konnte.

Empfehlung meinerseits, Good Food / Bad Food:

Meine Meinung? Solange wir versuchen, unter ökonomischen Gesichtspunkten in die Natur einzugreifen, steuern wir auf eine Wand zu. Bei diesen ökonomischen Gesichtspunkten geht es nicht darum, den Hunger in der Welt zu beenden. Wir Deutsche schmeißen Jahr für Jahr knapp 18.400.000.000 kg Lebensmittel weg. Das sind 226 kg pro Kopf pro Jahr. Man stelle sich vor, ich gehe in den Supermarkt, kaufe wie gewohnt ein, gehe nach Hause und werfe 600 g Fleisch, Brot, Käse,… irgendwas… weg. Einfach so. Tonne auf, Nahrung rein, Tonne zu. Jeden verdammten Tag, jede/r verdammte Deutsche. Diesen Gedanken einfach mal sacken lassen.

Ihr merkt, ich bin schon wieder gut drauf. Stichwort „Schweinepest“. Erinnert ihr euch an Bruno, den Problembären, der den Stoiber Eddie zum stottern brachte?

Der Stoiber-Eddie outete sich damals als ausgewiesener Fachmann, was Normal-Bären angeht. Laut seiner Expertise, war Bruno ein Problem-Bär und kein Normal-Bär. Das hätte dem Bruno egal sein können, wäre er deswegen nicht erschossen worden. Heute ist Bruno im Schloss Nymphenburg im Museum „Mensch und Natur“ (Oh the irony) ausgestellt. Als erster Bär in Deutschland seit 1835 – wohl in Sichtweite zu seinem ausstaffierten Vorgänger. Nun, 2018, schiebt sich wieder ein Problem Richtung des Vorhofes zum Paradies – Bayern: Die Schweinepest breitet sich von Afrika nach Norden aus. Für den Menschen unbedenklich, ist sie für unser geliebtes Hausschwein (2016 wurden hierzulande knapp 60.000.000 geschlachtet) eine tödliche Gefahr. Und da Bayern rein geographisch das erste Bundesland ist, in dem diese Pest ankommen dürfte, schreien die bayerischen Bauern danach, mehr Wildscheine zu erschießen um die Übertragung zu stoppen. Klingt auf den ersten Blick… naja… nicht schön, aber plausibel. Schaut man genauer hin, und das hat die SZ hier getan, ist das Bild (wie immer) wesentlich komplizierter. Aber rumballern ist immer erstmal eine gute Idee, so kommt es mir zumindest vor. Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und prophezeie, dass wir uns in den kommenden Jahren vermehrt mit derlei „Phänomenen“ herum-schlagen müssen. Warum? Weil sich im Zuge des fortschreitenden Klimawandels Klimazonen verschieben. Bereits 2006! berichtet der DLF, dass sich der afrikanische „Wüstengürtel“ nach Norden verschiebt, bedeutet, dass es in Südeuropa heißer und trockener wird und sich in unseren breiten langsam aber sicher mediterranes Klima etabliert. Das ganze natürlich nur, solange der Golf-Strom zuverlässig funktioniert. Golfstrom ist dieses Ding, dessen zum-erliegen-kommen weite Teile der Nordhalbkugel in einen Gefrierschrank verwandeln würde. Das ganze Szenario wurde 2004 recht deutlich dargestellt: in Roland Emmerichs „The Day After Tomorrow“. Aber bis dahin „verwüstet“ beispielsweise Spanien zunehmends – gut, dass ein guter Teil unserer Lebensmittel aus dem spanischen Almeria kommen:

Google Maps

Unter den herausstechenden weißen Zonen leben keine Menschen, nein, dort wächst unser Obst & Gemüse. Und das verbraucht ganz, ganz viel Wasser. In Kombination mit dem Klimawandel und der vorrückenden Verwüstung eine explosive Mischung. Erinnerung: Jeder Deutsche schmeißt am Tag 600 g Lebensmittel weg.

End, Chapter I

Of everything that stands, the end
No safety or surprise, the end
I’ll never look into your eyes, again

Humans Of Late Capitalism – Chapter II ->

4 Kommentare zu „Humans of Late Capitalism – Chapter I

Gib deinen ab

  1. Danke für den guten Artikel! Frage mich immer noch, warum hat Schmidt noch ein Amt? Warum ist keiner (mich eingeschlossen) auf die Straße gegangen und hat gegen das demonstriert, was da einfach so mal entschieden worden ist? Warum gehen wir nicht auf die Straße , wenn es um unsere Natur geht? Um unsere Lebensmittel?

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