Humans Of Late Capitalism – Chapter IV

Das Verhängnis unserer Kultur ist, dass sie sich materiell viel stärker entwickelt hat als geistig.

Albert Schweitzer

Best Practices

Britannien. Gut 52% der Bewohnerinnen & Bewohner des Inselstaates kurz vor der nordwestlichen Küste des europäischen Subkontinents, der einstigen Weltmacht und Weltreich über alle sieben Ozeane, haben im Juni 2016 für einen Austritt aus der Europäischen Union votiert und somit eine „Best Practice“ gesetzt, wie man es schafft, dass Wählerinnen und Wähler ihr Kreuz voll und ganz gegen die eigenen Interessen setzen – oder eben gar keines. Die Credits gehen hier an „UKIP“ – ein Betonkopf-Verein mit einer ähnlichen Affinität zu Fake News wie unsere heimischen, selbsternannten Retter des Abendlandes von der sogenannten Alternativen für Deutschland. Mit Verlaub: Die EU ist kein Idealbild, aber sie ist das beste was wir haben und allemal besser, als der kriselnde Rest der ehemaligen Kolonialmacht, deren innere Fliehkräfte durch den „Brexit“, wie man landläufig verniedlichend sagt, deutlich zugenommen haben, denn die Schotten haben so gar keine Lust aus der EU auszutreten und die (Nord-)Iren haben zusätzlich sehr wenig Lust EU-Außengrenze zu spielen.

Bei allem, was die Briten bereits verloren haben – und noch verlieren werden – scheinen Höflichkeit und Respekt nach wie vor hohe gesellschaftliche Güter zu sein! Ladies and Gentlemen, may (höhöhö!) I present to you: Baron Micheal Bates. Baron Bates ist seit Oktober 2016 Minister im „Department for International Development“, was unserem „Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ entspricht. Vor kurzem traf dieser Baron Bates mit dreißigminütiger Verspätung zu einer Befragung durch Baroness Lister im House of Lords ein. Um mehr Zeit für die Debatte um den „European Union (Withdrawal) Bill“ zu erhalten, startet die Befragung allerdings früher als gewohnt. Mister Bates verpasste somit die erste Frage der Baroness, welche somit vom parlamentarischen Geschäftsführer Baron Taylor of Warwick beantwortet werden musste. Baron Bates fühlte sich,  ob dieses Faux-Pas, derart beschämt, dass er sich selbst nötigte vor dem vollen House of Lords seinen Rücktritt zu verkünden, seine Papiere unter den Arm zu klemmen und den Sitzungssaal festen Schrittes und weicher Mimik zu verlassen.

“I’m thoroughly ashamed at not being in my place and therefore I shall be offering my resignation to the prime minister with immediate effect. I do apologise.”

Nun, was soll ich dazu sagen? Daran gemessen, würden sich die Herren Scheuer und Dobrindt zum Duell im Englischen Garten verabreden und noch der daraus hervorgehende Gewinner würde sich vor Scham schluchzend in den eigenen Degen stürzen. Diesem Beispiel folgend, wäre die CSU ruck-zuck leer. The English haben eben die Marmelade auf dem Toast statt den Honig im Kopf. Der Rücktritt wurde von Prime Minister Theresa May nicht angenommen.

Theresa May ist die Frau, die nach dem zu Beginn von mir angerissenen „Brexit-Referendum“, trotz absoluter Mehrheit im Unterhaus, auf die glorreiche Idee kam – denn im Königreich haben glorreiche Ideen derzeit Hochkonjunktur – ihre parlamentarische Machtbasis durch Neuwahlen auszubauen, um dann gestärkt den bestmöglichen „Brexit“ auszuhandeln. Dummerweise spielte die englischen Wählerinnen und Wähler wieder nicht mit und verweigerten die Gefolgschaft. Wankelmütiges Wahlvolk!! Mays konservative Tories verloren ihre absolute Mehrheit im Unterhaus und waren somit gezwungen, eine Minderheitsregierung einzugehen – geduldet von der Democratic Unionist Party. Diese DUP wiederum ist eine nordirische protestantische „Volkspartei“ – wenn man das so nennen darf – die für den „Brexit“ ist und ein, naja, klassisches Verhältnis zu Homosexualität & Abtreibung pflegt und es im heimischen Nordirland nicht auf die Kette bekommt, eine Regierung zu bilden – Nordirland ist seit März 2017 ohne Regierung. Dafür darf Sie nun in London den Mehrheitsbeschafferin für besagte Theresa May spielen. Glückwunsch! Die Nordiren haben übrigens mehrheitlich für einen Verbleib in der EU gestimmt. Zusammengefasst: Frau May schafft unter den widrigen Umständen etwas, dass unserer Angela I. nicht mal in den Sinn kommt: Eine Minderheitsregierung zu organisieren.

Ich muss also gar nicht soo weit in die Welt hineinblicken, um zu sehen, wie „stuck“ wir sind – wie der Brite sagt. Die Schwatten und die Roten Verhandler*innen haben sich zwar auf einen Koalitionsvertrag geeinigt, doch war dieser Abschluss kein Beginn einer wunderbaren Freundschaft, sondern der erwartungsgemäße Startschuss für ein Hauen und Stechen, dass am Ende nur einen Verlierer kennt: Das Vertrauen des Souverän in seine gewählten Vertreter – so zumindest die fast einhellige Meinung des bundesdeutschen Blätterwaldes. Z’ammreissen solle man sich! Für Deutschland. Ein Land, das zumindest mir immer fremder wird. In meiner Ohrmuscheln hallen immer die gleichen Plattitüden von Werten nach. Mit etwas nachweislich greifbaren füllen wollte das bisher niemand der Damen und Herren aus der Spitzenpolitik.

Another GroKo, another try?

Nach den abgeschlossenen Sondierungen und dem folgenden unionistischen Geplärr, Nachverhandlungen seien nicht drin, liegt nun der Koalitionsvertrag zur dritten GroKo unter Angela I., Schwiergermutter aller Deutschen auf dem Tisch und schon die „Präambel“ treibt mir den Angstschweiß in mein Gesicht. Es folgt die kommentierte Fassung, von mir für dich:


Präambel

Wir erleben neue politische Zeiten mit vielfältigen Herausforderungen für Deutschland – sowohl international als auch national. Deutschland ist weltweit ein anerkannter Partner, aber nur mit einem neuen Aufbruch für Europa wird Deutschland langfristig Frieden, Sicherheit und Wohlstand garantieren können. Die Europäische Union muss ihre Werte und ihr Wohlstandsversprechen bewahren und erneuern. Nur eine starke Europäische Union ist der Garant für eine Zukunft in Frieden, Sicherheit und Wohlstand.

Aufbruch für Europa? Nach den Erfahrungen mit der „Staatsschuldenkrise“, die eigentlich eine Eurokrise ist, die eigentlich eine Bankenkrise war, kann ich das nur als Drohung verstehen: Europa aufbrechen. Immerhin ehrlich sind sie, die marktliberalen Totengräber dieser Union.


Wir wollen eine neue Dynamik für Deutschland. Nur so können wir das Erreichte sichern und ausbauen. Unsere Ausgangslage ist gut. Die Wirtschaft boomt, noch nie waren so viele Menschen in Arbeit und Beschäftigung. Das ist auch Ergebnis der Regierungszusammenarbeit von CDU, CSU und SPD.

Ich korrigiere das mal: Noch nie waren so viele Menschen in Arbeit und prekärer Beschäftigung. Noch nie war (Alters-)Armut so konkret; vor allem für alleinstehende und besonders für alleinerziehende Mütter. Das Wörtchen „Kinderarmut“ kommt in diesem Pamphlet nicht ein einziges Mal vor.


Unsere heutige wirtschaftliche Stärke eröffnet die Chance, Gerechtigkeit langfristig zu sichern. Unser Ziel ist ein nachhaltiges und inklusives Wachstum, dessen Erträge allen zugutekommen.

Das ich nicht lache. Diese GroKo denkt und lebt in einem fernen Jahrzehnt. Warum? Nun: Kennen Sie Joe Kaeser? Das ist der Boss von Siemens. Im November letzten Jahres verkündete dieser 350.000 Mann/Frau-Starke Konzern einen Jahresgewinn von 6.200.000.000 Euro. Milliarden. Ein Plus von 11% zum Vorjahr. Dem gegenüber steht ein Margeneinbruch bei der Sparte „Energiegewinnung“ von 40 auf 8,2% – da kann man es sich mal leisten, diese  Gasturbinen-Sparte zu verkaufen bzw. zu schließen, weil „Defizitäre Geschäfte dauerhaft zu subventionieren wäre verantwortungslos“, so Siemens-Personalvorstand Janine Kugel. Es breche eine Phase an, „in der sich sehr schnell sehr viel ändert“. Daher sei Siemens gut beraten, sich darauf mit kleineren, fokussierten Einheiten einzustellen. Es sei zwar bequemer, groß zu sein, weil dann sei man „nie schlecht, oder ganz selten, aber auch nie gut“, so Ihr Chef, Joe Kaeser. Dem ganzen kann man logisch folgen, besonders aus kaufmännischer Perspektive. Wo ich dann nicht mehr folgen kann, ist, wenn der gleiche Joe Kaeser bei einem abendlichen Bankett mit dem pelzigen Alien aus Mar-A-Lago, am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos verkündet „eine neue Generation von Gasturbinen in den USA zu entwickeln“ und das, nachdem er der Pelzkreatur vorher zur „Steuerreform“ (gesenkte Unternehmens-Steuersätze) gratuliert hatte. Hier sehen wir, was Kapitalismus im Endstadium bedeutet. Das Kapital arrangiert sich mit den besten wirtschaftlichen Voraussetzungen – wenn die durch ein faschistoides Individuum geschaffen wurden, ist diese Tatsache dem Kapital egal, aber vor allem eines: Recht so. Gerechtigkeit interessiert in den Spitzen von Politik und Wirtschaft nun wirklich nicht. Aber es klingt halt schön.


Wir wollen die kreativen Potenziale in Deutschland mobilisieren und die Chancen der Digitalisierung nutzen.

Ich will auch viel, wenn der Tag lang genug ist. Kennen Sie Peter Ramsauer und Alexander Dobrindt? Das sind die beiden vergangenen bayerischen Hanseln, die damit betraut wurden das Ministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung [Kabinett Merkel II, Ramsauer] bzw. das Ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur [Kabinett Merkel III, Dobrindt] in das „Digitale Zeitalter“ zu führen. Ich will jetzt nicht schon wieder auf Dobrindt rumreiten, daher nur so viel zu den Aufgaben dieses knapp 25 Milliarden schweren Ministeriums:

Die Zuständigkeit erstreckt sich auf die Verkehrsinfrastruktur des Bundes (Bundesfernstraßen, Eisenbahnnetze, Wasserstraßen und Luftverkehrswege) sowie auf die flächendeckende Verfügbarkeit moderner Breitbandnetze. Zum Aufgabenspektrum gehören die rechtliche Ordnung und die Gewährleistung der Sicherheit der jeweiligen Verkehrsträger sowie die Planung und Finanzierung von Investitionen zur Erhaltung und zum Ausbau der Infrastrukturen. Aufgabenschwerpunkt im Bereich digitale Infrastruktur ist eine flächendeckende Versorgung mit schnellem Internet (Übertragungsgeschwindigkeit von mindestens 50 Mbit/s). Eine weitere Aufgabe ist die Modernisierung der Mobilität (alternative Antriebe und Kraftstoffe, Vernetzung von Fahrzeugen und Infrastruktur, intelligente Verkehrssysteme und automatisierte Mobilität). Dazu zählt auch die Einrichtung eines Digitalen Testfelds Autobahn zur Erprobung innovativer Fahrzeugtechnologien.

Wer am Ende dieser Passage immer noch nicht lacht: Respekt zu diesem Ruhepuls! Teile dieses Blogs werden übrigens unter Zuhilfenahme einer 700 kbit/s Leitung in den Äther gejagt. In Frankfurt. Das ist der IT-Knotenpunkt in Europa, gemessen am Datendurchsatz der größte der Welt. Hier fließt alles zusammen und dann hinaus in die Welt – geprüft und gesichert durch NSA, GCHQ, BND & Co – Operation Eikonal, PRISM, Tempora & XKeyscore. Schöne neue Welt.


Deutschland braucht wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt, an dem alle teilhaben.

Wir wollen, dass der Wohlstand bei allen Menschen ankommt. Das Wahlergebnis hat gezeigt, dass viele Menschen unzufrieden und verunsichert sind. Daraus ziehen wir mit dem vorliegenden Koalitionsvertrag und seiner Politik die entsprechenden Schlüsse. Wir wollen sichern, was gut ist, aber gleichzeitig den Mut zur politischen Debatte, zu Erneuerung und für Veränderung beweisen.

Was nach „Wir haben verstanden“ klingt, ist mal wieder vor allem eines, heiße Luft: „Wie es morgen im Vergleich zu heute aussehen wird, dazu ermitteln Ökonomen drastische Zahlen. Den künftigen Generationen werden nicht nur offizielle Schulden von 70 Prozent der Wirtschaftsleistung hinterlassen, die ja immerhin stabilisiert werden. Unfinanzierte Mehrkosten für Gesundheit, Pflege oder Rente summieren sich auf einen noch mal doppelt so hohen Betrag. Wer diese unsichtbaren Belastungen addiert, kommt auf einen weit höheren Schuldenberg als jenen, bei dem Griechenland für pleite erklärt wurde. […] Ein volles Drittel der Erbsumme wird von nur zwei Prozent Reichen hinterlassen. Sehr viele Deutsche werden nichts erben. Jüngere Arbeitnehmer merken schon heute, dass sie oft real netto nicht mehr verdienen als ihre Eltern. Das Narrativ „immer mehr“, das die Wohlstandsgesellschaft seit dem Zweiten Weltkrieg erzählt, holpert und stottert längst.“ Die infrastrukturellen Defizite sind hier nicht mal einberechnet. Kurz gesagt: Die nackte Kaiserin spricht von ihrem neuen Gewand.


Bürgerinnen und Bürger haben ein starkes Bedürfnis nach Gemeinschaft, Sicherheit im Alltag, Bewahrung der kulturellen Identität, Stabilität, einem guten Miteinander und einer gestaltenden Politik, die Menschen auf Augenhöhe zusammenbringt.

Poesie:

Rosen sind rot

Bananen sind krumm

Gebt dem Seehofer Horst

ein Heimatministerium

oder

Wie die AfD offiziell zur gesellschaftspolitischen Gestalterin dieses Landes erhoben wird


Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland in sozialen, kulturellen und lokalen Bewegungen sowie in Gemeinde- und Stadträten, Kreistagen, Kirchen und Religionsgemeinschaften für unser Gemeinwesen. Gemeinsam mit ihnen wollen wir unser Land besser, sicherer und gerechter machen.

Hätte es diese Zivilgesellschaft zur Hochzeit der „Flüchtlingskrise“ nicht gegeben, die AfD wäre bereits heute zweitstärkste Kraft und es gäbe eine Schwarz-Blaue Regierung. Was bekommen diese engagierten Menschen dafür? Eine weitere, nett verpackte Willenserklärung. It’s something…


Wir werden die Probleme anpacken, welche die Menschen in ihrem Alltag bewegen, und setzen uns mutige Ziele für die nächsten vier Jahre. Wir arbeiten für Stabilität und Zusammenhalt, für Erneuerung und Sicherheit und für die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in unserem Land. Die besonderen Herausforderungen in Ostdeutschland erkennen wir als gesamtdeutschen Auftrag an.

Den sozialen Zusammenhalt in unserem Land wollen wir stärken und die entstandenen Spaltungen überwinden. Wir nehmen die Ängste der Menschen ernst und wollen ihnen durch unsere gemeinsame Arbeit umfassend begegnen.

Hatten wir den Teil nicht schon? Besonderen Herausforderungen in Ostdeutschland? Failed State Sachsen? Die Wiedervereinigung würde während Merkels vierter Amtszeit dreißig Jahre zählen. Mit Verlaub: Das ist das schriftliche Eingestehen des sozialen Versagens. Glückwunsch.


Wir geben allen Kindern und Jugendlichen gleiche Bildungschancen, damit Leistung und Talent über die persönliche Zukunft entscheiden, nicht die soziale Herkunft. Wir schaffen neue Perspektiven für gute Arbeit und mehr Sicherheit im Alter.

Cool. Bildung wird 100% kostenfrei. Und bezahlbare Studentenwohnheime gibts obendrauf! Oder?


Wir wollen, dass die Menschen bei uns die vielfältigen Chancen nutzen und in Sicherheit leben können. Familien stärken wir und sorgen dafür, dass Familie und Beruf besser vereinbar sind.

Unser gemeinsames Ziel ist Vollbeschäftigung in Deutschland. Auch deshalb wollen wir Arbeit und Leben besser vereinbaren und unsere sozialen Sicherungssysteme modernisieren. Wir werden die Gesundheits- und Pflegeversicherung, die Alterssicherung und die Unterstützung bei Arbeitslosigkeit weiter verbessern und an veränderte Rahmenbedingungen anpassen, damit die Bürgerinnen und Bürger auch in Zukunft verlässlich abgesichert sind.

Puh. Angstschweiß again – „Soziale Sicherungssysteme modernisieren“. In Deutschland fehlen bis 2025 bis zu 24.000 Grundschul-Lehrkörper und weitere 27.000 für weiterführende Schulen. Schon heute fehlen 100.000 Pflegekräfte, wogegen die GroKo mit einer Sofortmaßnahme 8.000 offene Stellen besetzen will. Kleiner Tipp von mir: Einfach mal hier den Twitter-Hashtag #TwitternWieRueddel anschauen und staunen. Ich denke das erdet jede/n, denn, was sich in diesem Land noch nicht wirklich rumgesprochen hat: Beim Thema Pflege geht es uns ALLEN irgendwann ans eigene Leder – außer man ist Reich.

Sehr dankbar bin ich hier über das Stichwort „Vollbeschäftigung“, denn als Kaufmann kenne ich das „Magische Viereck“. Wer es nicht kennt, bitteschön:

Vollbeschäftigung. Wie erreiche ich das? Entweder durch einen Wirtschaftsboom, der allerdings nur sehr bedingt beeinflussbar ist oder durch eine „Agenda 2010“ – Lohnnebenkosten runter. Der Zyniker sagt: Wir Deutschen haben uns mit der Agenda einen Niedriglohnsektor geschaffen, der in Europa seines gleichen sucht. Oder war das Gerhard Schröder – gibt es da überhaupt einen Unterschied? Dieser Niedriglohnsektor ist ein nicht zu unterschätzender Faktor der Staatsschuldenkrise“, die eigentlich eine Eurokrise ist, die eigentlich eine Bankenkrise war. Warum? Heiner Flassbeck sieht „eine Währungsunion primär als „Inflationsgemeinschaft“ an. Dies bedeutet, dass alle Mitgliedsländer einer Währungsunion die gleiche Preisveränderungsrate aufweisen müssen. Zu erreichen sei dies nur durch eine Angleichung des Wachstums der Lohnstückkosten mit dem Ziel, die preisliche Wettbewerbsfähigkeit aller Staaten zu gewährleisten und hohe Leistungsbilanzüberschüsse wie -defizite zu vermeiden. Als Konsequenz für die Eurozone fordert er, dass alle Eurostaaten die Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank einhalten müssen. Da Deutschland durch sein Konzept der „Lohnzurückhaltung“ seit Einführung der Währungsunion diese Zielinflationsrate erheblich unterschritten hat, während sie von anderen Staaten eingehalten oder etwas überschritten wurde, habe die deutsche Industrie in großem Stil Marktanteile auf Kosten anderer Länder der Eurozone gewonnen.“ Kurz gesagt, müssten die Löhne und Gehälter in Deutschland kurzfristig um durchschnittlich 20% steigen – ansonsten ist der Euro nicht zu retten. Und ob die Europäische Union diesen Schlag verkraftet, bezweifle ich sehr stark. Dank sei den „marktliberalen Totengräber dieser Union“. Auch zeigt diese Problematik, warum ich in „unseren Werten“ nur hohle Phrasen erkenne: Das von Deutschland dominierte Europa macht Wirtschaftspolitik. Unsere „Werte“ sind Wirtschaftswachstum und die Freiheit zu kaufen was man sich leisten kann – die Essenz aus Albert Schweitzers Zitat zu Beginn dieses Blogs.


Wir wollen unser Land erneuern, in die Zukunft investieren und Innovationen fördern, damit wir unseren Wohlstand erhalten und ausbauen können.

Und ich danke erneut für die Ehrlichkeit, denn wir alle wissen mittlerweile wie der Wohlstand verteilt ist und das dagegen sehr wenig bis gar nichts getan wird. Mitte Januar vermeldete ICIJ, dass die EU Barbados, Grenada, Macao, Mongolei, Panama, Südkorea, Tunesien und die VAE von der Schwarzen Liste der Steuerparadiese gestrichen hat. Übrig blieben nur American Samoa, Bahrain, Guam, Marshall Islands, Namibia, Palau, Saint Lucia, Samoa und Trinidad & Tobago. Die staatliche Geheimniskrämerei hat in den vergangenen zwei Jahren sogar noch zugenommen – trotz der großen Steuerskandale, die es in dieser Zeit gegeben hat; trotz Panama und Paradise Papers. Dass EU-Steueroasen auf dieser Schwarzen Liste nie auftauchten, erklärt sich von selbst. Wohlstand erhalten. Pfff. Wessen Wohlstand hier erhalten wird, hat Project Syndicate hier zusammengefasst.


Wir investieren in unser Land. Wir sorgen für genügend Kitaplätze, digital ausgestattete Schulen und schnelles Internet in Stadt und Land. Wir machen Deutschland zur
energieeffizientesten Volkswirtschaft der Welt. Wir stärken unsere Sicherheitsbehörden und gewährleisten dadurch bestmögliche Sicherheit.

Joa, in Bayern schmeißen die Bullen bald mit Handgranaten und werden mit geheimdienstlichen Sonderrechten ausgestattet. In Sachsen fahren Polizei-Panzer mit NS-Ästhetik auf der Bestuhlung. In Hessen dürfen Geheimdienste freidrehen. Und, dass NRW die Kennzeichnungspflicht für Polizeikräfte kassiert hat, beschreibe ich nicht zum ersten Mal. Der neue Innenminister hat jedenfalls richtig Spaß.


Den digitalen Wandel von Wirtschaft, Arbeit und Gesellschaft werden wir so gestalten, dass alle davon profitieren. Wir setzen auf Innovationen und wollen aus technischem sozialen Fortschritt machen.

Wir werden Migration in Zukunft besser steuern und ordnen sowie die Integration von Zugewanderten in unsere Gesellschaft umfassender fordern und unterstützen. Damit geben wir eine Antwort auf internationale Migrationsbewegungen auf der einen Seite und den Fachkräftebedarf in Deutschland auf der anderen Seite.

Mit unserem internationalen Engagement wollen wir einen größeren Beitrag leisten, um weltweit zu besseren Lebensbedingungen beizutragen sowie Frieden wiederherzustellen und zu sichern.

 

This.

Das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Handlungsfähigkeit von Politik wollen wir wieder stärken, indem wir Erneuerung und Zusammenhalt in den Mittelpunkt unserer Arbeit stellen. Wir wollen eine stabile und handlungsfähige Regierung bilden, die das Richtige tut. Dabei streben wir einen politischen Stil an, der die öffentliche Debatte belebt, Unterschiede sichtbar lässt und damit die Demokratie stärkt.

Ist damit das lächerliche Theater der vergangenen Tage gemeint? Oh. Mein. Gott! Und wie genau will man die „öffentliche Debatte beleben“, wenn man selbst nicht mehr debattiert? Erinnerung:

„Im Bundestag und in allen von ihm beschickten Gremien stimmen die Koalitionsfraktionen einheitlich ab. Das gilt auch für Fragen, die nicht Gegenstand der vereinbarten Politik sind.”

Dieser Scheisssatz stand übrigens schon im 2013 geschlossenen Koalitionsvertrag. Wen wunderts? Das war dann wohl auch der Grund, warum Angela I. die Generöse, ihren Parlamentariern erlaubte frei abzustimmen, als es um die „Ehe für Alle“ ging.

Das Interessante an diesem Koalitionsvertrag ist, dass, auf der einen Seite, tatsächlich noch Luft nach Unten ist, ihn aber, auf der anderen Seite, niemand mögen mag. Die CDU rebelliert gegen Merkel, die SPD rebelliert gegen die Parteispitze, die Wirtschaft mault ebenfalls und der Bürger bekommt das alles medial als Kakophonie der hysterischen Presse serviert, die tatsächlich den Spagat bewältigt, die GroKo herbeischreiben zu wollen. Besonders die Wahnsinnigen im Hause Springer geben hier alles – bis zur letzten Patrone. Die Herren Kai Biermann und Karsten Polke-Majewski von der ZEIT beginnen Ihren Artikel zum Thema mit den Worten: „Man sollte sich als Journalist schon sicher sein, wenn man einen Verdacht in die Welt setzt.“ Gut, dass man im BILDler Block nichts mit Journalismus zu tun hat! Langsam aber sich sollte der Punkt erreicht sein, an dem alles Porzellan zerschlagen, die beiden (ehemaligen) Volksparteien vor dem Trümmerhaufen ihrer eigenen Politik-Strategie stehen und es nicht mal mehr für eine GroKo reicht. Die Berliner Blase wird irgendwann platzen und die Damen und Herren werden sich verwundert umschauen und sich gegenseitig die Schuld zuschieben, während billige Populisten die Reste aufsammeln und als lachende Dritte dastehen. Und das nur, weil es keine demokratische Bundespartei vermag, ein Programm, eine Utopie oder auch nur ein gesellschaftliches Ziel zu vermitteln, das der Bevölkerung  dass „die da Oben“ wissen was sie tun. Die CDU ist genau so tot wie die SPD, sie merkt es nur noch nicht, weil der Deutsche dem Konservativismus viel mehr zugeneigt ist als der Sozialdemokratie geschweige denn dem Sozialismus. Der Deutsche will bewahren und seine Schäfchen im trockenen Wissen – der Rest ist erstmal Makulatur. So lange, bis der Druck von Außen so hoch ist, dass man irgendwie reagieren muss – siehe Diesel-Skandal und die nun aufkommende Hektik um kostenfreien ÖPNV. Das ist deutsche Politik in Reinkultur. Aber: Weiter so!


Derweil nehmen die neuesten technischen Errungenschaften Einzug in die Sicherheits- und Überwachungstechnik. An dieser Stelle möchte ich die TV-Serie „Black Mirror“ empfehlen, die verschiedenartige Auswirkungen der Verwendung von Technik und Medien auf die Gesellschaft thematisiert. Speziell Folge 5 der vierten Staffel. Schöne neue Welt:

Und Elon Musk, gefeierter Tech-Hero und Vater von SpaceX und Tesla, hat nun endlich einen Weg gefunden Geld nicht nur auszugeben, sondern auch Gewinn zu erwirtschaften – das klappte mit den SpaceX und Tesla bisher nicht – im Gegenteil: Tesla macht in 4. Quartal 2017 schlappe 550 Mio EUR Verlust. Diese Firma hat noch nie grüne Zahlen geschrieben – aber das wird sich nun ändern, ganz bestimmt!

 

End,
Chapter III

This is the end, beautiful friend
This is the end, my only friend, the end
Of our elaborate plans, the end

Of everything that stands, the end
No safety or surprise, the end
I’ll never look into your eyes, again

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