„Dammbrüche und Zäsuren“

20. Februar 2020

„Nächster Halt: Hanau Hauptbahnhof. Endstation. Bitte alle aussteigen.“ Ich klappe mein Buch zu, stecke es in den Rucksack neben den Bagel, den ich mir auf dem Weg zum Bahnhof bei meinem Lieblingsbäcker gekauft hatte. Vorfreude auf einen tiefschwarzen, heißen Kaffee und das mit Camembert belegte Gebäck steigt in mir auf. Der Zug hält, meine Mitmenschen sammeln sich an den Türen, doch diese gehen nicht auf, auch das runde Licht am Taster leuchtet nicht auf. Stille Ratlosigkeit macht sich breit. Durch die Frontscheibe des voran gekoppelten Zuges, sehe ich in den vor uns liegenden Wagen – auch hier ratlose Blicke, einer schaut Neugierig zu uns nach hinten. „Der ist eingeschlafen!“ sagt eine junge Frau und ich schaue auf die Sprechanlage neben der Tür, überlege, den Fahrerruf zu betätigen.

Doch die Türen öffnen sich und alle gehen Ihren Weg, wie gewohnt, nur einige wohl ein paar Schritte schneller als sonst, in der Hoffnung die verlorene Minute aufzuholen. Merkwürdig, denke ich mir und gehe zur Bushaltestelle.

„Guten Morgen!“ Ich trete von hinten an zwei mir bekannte Gestalten heran und werde ebenfalls begrüßt. Unser Bus rollt heran, aus und kommt mit einem kurzen quietschen zum stehen, begleitet mit dem Zischen der Hydraulik, öffnen sich die Türen. Wir Drei steigen vorne ein, ich grüße den Fahrer.
Ich bin noch nicht lange in der Welt des ÖPNVs unterwegs, aber habe mir vorgenommen das Fahrpersonal immer freundlich zu grüßen. Die Einen grüßen neutral zurück während sich andere über einen freundlichen Gruß ehrlich zu freuen scheinen und mit einem Lächeln im Gesicht zurück grüßen – letztere machen mich immer ein kleines bisschen Glücklich. Es sind eben die kleinen Dinge im Leben, die man genießen können muss.
Von der hinteren Tür kommend strahlt uns eine weitere Kollegin entgegen und so nehmen wir einen gesamten Vierer in Beschlag.

„Hast du die Schießerei mitbekommen?“
„Nein, wo?“
„11 Tote… Hier, in Hanau.“
„Was? Elf? Wann? Wo?“
„Gestern Abend, in einer Shisha-Bar.“
„Ach du Scheiße…“
„Ja…“

Schweigen.

Von vielen Toten bei einer Schießerei hört und liest man viel zu oft, aber hier, quasi um die Ecke? Das schlägt anders ein. Tiefer. Unangenehmer.

„Weiß man schon was?“
„Nein, ich glaube nicht.“
„Hmmm… Shisha-Bar. Mafia? Clan-Kriminalität?“
„Mafia! Das dachte ich mir auch zuerst.“

Schweigen. Leere Gesichter.

„Was liest du da?“
„Der Herr aller Dinge!“
„Was? Der Herr der Ringe, jetzt erst?“
„Nein, der Herr Aller Dinge. Andreas Eschbach, kennst du?“
„Nö, nie gehört.“


Ich fasse die letzten drei Bücher, die ich von Eschbach gelesen habe, in wenigen Sätzen zusammen.

„Kann ich sehr empfehlen!“
„Mhm.“
„Und? Neuer Job? Wie is‘?“
„Ja, gut! Kein Vergleich zu vorher.“

Ein wehmütiger Blick.

Der Bus hält. Wir steigen aus und laufen zum Bürogebäude.

„Ich würde ja auch woanders hingehen, wenn es Sinn mache würde. Aber… naja. Es ist alles verrückt. Alle sind verrückt.“
„Oh ja, da sagst du was!“

Ich biege links ab, die anderen laufen geradeaus weiter.

„Frohes Schaffen!“
„Danke, dir auch!“

Schießerei, denke ich. Wow. Vor lauter flirrenden Gedanken, vergesse ich die Stechuhr zu betätigen und steige direkt in den Fahrstuhl, fahre in mein Stockwerk, schließe mein Büro auf und starte den Laptop. Während dieser hochfährt, öffne ich den mobilen Messenger. Eine Nachricht im Familien-Chat, gestern, 23:39 Uhr, „In Hanau wurden angeblich 4 Menschen erschossen.“ Meine Finger tippen zwei mal auf die Eins. Dann auf „Senden“. Elf. Elf tote. „Heilige Scheiße.“ Ich wechsele die App, Twitter. Aktualisiere. Der erste Tweet der mir entgegenleuchtet, ist von einem wütenden Menschen. Wütend auf die FickDichBILD, weil einer deren „Reporter“ wohl kurz nach den Geschehnissen allen Ernstes Angehörige „interviewen“ wollte. Mit seinem Handy vor der Nase. Ich schlucke. Wut steigt in mir auf. Diese verfickte Dreckszeitung. Dann regt der sich auch noch auf, wenn jemand versucht ihm das Handy aus der Hand zu nehmen. Arschloch. Warum kann man dieses Drecksblatt nicht mit Bußgeldern zuscheißen, bis die den Laden zu machen müssen?

Bild
Quelle: Twitter @ProfGuidoKuehn

Ich öffne den Browser, gebe die URL einer seriösen Wochenzeitung ein und lese die aktuellen Erkenntnisse. Rassenhass, Verschwörungstheorien, Geheimdienste. Abseits von der Tat, die mich sprachlos aber mit einer fast greifbaren Angst zurück lässt, frage ich mich, wohin wir als Gesellschaft steuern. Im Blätterwald lese ich von Dammbrüchen und Zäsuren. Really?

Rassistische Reflexe

„Hmmm… Shisha-Bar… Mafia? Clan-Kriminalität?“ hallt es in meinem Kopf nach. Ich will dem Kollegen, der das aussprach, keinen Rassismus unterstellen. Sein Denkreflex ist es aber, denn auch nach den rassistischen Morden des „NSU“ und der daraufhin von Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich versprochenen „lückenlosen Aufklärung“ denken „Biodeutsche“ erst an „Dönermorde“ und „Clan-Kriminalität“ aber nicht an rassistische Gewalt. Haben daran nicht auch hohle Phrasen unserer Kanzlerin Schuld? Ich denke, ja! So lange ein Regierungsoberhaupt mit Versprechen wie „Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen“ kein struktureller Wandel in unseren Sicherheitsbehörden folgt – im Gegenteil sogar konservative Beissreflexe gegen ebenjene Forderung des Wandels an der Tagesordnung sind – können Deutsche, die nicht aussehen oder an den Gott glauben, wie es sich rassistische Betonköpfe vom rechten Rand und dahinter, wo die Sonne niemals scheint, eben nicht „in Sicherheit und Frieden leben“ (F. W. Steinmeier).

19. Februar 2021

Die „NSU“-Terroristen ermordeten zwischen 2000 und 2007 neun Migranten. Der rassistische Terrorist von Hanau brauchte dafür 12 Minuten. Die progressive Reaktion in den Sicherheitsbehörden ist in meinen Augen die Selbe: Nicht feststellbar.

Rassismus beginnt in den Feinheiten unserer Sprache

Wenn Tobias R. binnen 12 Minuten die Leben, Träume und Hoffnungen von Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov auslöscht, kann man nicht – mit dem ersten gottverdammten Wort – von „wahllos“ sprechen ohne sich als Teil des Problems zu präsentieren.

Auch der rassistisch begründete Mord am Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke war eine „Zäsur“, ein „Dammbruch“ und bla. Und ich Gutmensch dachte, jetzt, wo es einen der Ihren getroffen hat, ein Parteifreund niederträchtig erschossen wurde, jetzt verstehen Sie, dass Rassismus von allen bekämpft werden muss, die in Frieden und Freiheit leben wollen.
Aber: Nein, denn ein Jahr später sind immer noch Fragen offen und Ungereimtheiten nicht geklärt. Es fehlt auch nur die Spur einer Bereitschaft zur vollständigen Aufklärung. Es ist Deutsches Schulterzucken, mehr nicht:

Es darf sich in diesem Land Niemand über die „Einzelfälle“ in Halle, Hanau, München, Mölln, Solingen, Hamburg-Billbrook, Eberswalde, Dresden, Potzlow, Berlin, Lübbenau, Ludwigsburg, Hachenburg, Rosdorf, Flensburg, Kästorf, Friedrichshafen, Schwedt, Saarlouis, Nordhausen, Hohenselchow, Meuro, Lampertheim, Frankfurt am Main, Gifhorn, Saal, Buxtehude, Hörstel, Berlin Marzahn, Magdeburg, Neuruppin, Ostfildern-Kemnat, Bad Breisig, Stotternheim, Koblenz, Geierswalde, Lehnin, Wuppertal, Berlin-Friedrichshain, Wülfrath, Wiedenau, Oranienburg, Meerbusch, Arnstadt, Schlotheim, Hoyerswerda, Mühlheim/Ruhr, Uelzen, Bad Segeberg, Obhausen, Fürstenwalde, Strausberg, Marl, Hamburg-Buchholz, Darmstadt, Quedlinburg, Leipzig, Berlin-Reinickendorf, Velten, Rotenburg an der Fulda, Zittau, Velbert, Amberg, Lübeck, Bergisch Gladbach, Brandenburg an der Havel, Dorsten-Rhade, Wolgast, Eppingen, Roseburg, Fredersdorf-Vogelsdorf, Berlin-Treptow, Sassnitz, Königs Wusterhausen, Cottbus, Saalfeld, Angermünde, Markkleeberg-Gaschwitz, Guben, Duisburg-Walsum, Eschede, Kolbermoor, Hohenstein-Ernstthal, Berlin-Lichtenberg, Löbejün, Bad Reichenhall, Halle-Neustadt, Weißwasser, Halberstadt, Berlin, Buch, Dessau, Dortmund, Waltrop, Greifswald, Wismar, Ahlbeck, Nürnberg, Schleswig, Greifswald, Belzig, Milzau, Grimmen, Jarmen, Hamburg, Dahlewitz, Fulda, Neubrandenburg, Wittstock, Neu Mahlisch, Sulzbach, Erfurt, Naumburg, Frankfurt/Oder, Riesa, Scharnbeck, Overath, Kandel, Heidenheim, Gera, Burg, Rostock, Dessau, Essen, Bad Buchau, Plattling, Kassel, Wismar, Heilbronn, Brinjahe, Memmingen, Templin, Leipzig, Templin, Bernburg, Hemer, Neuss, Oschatz, Berlin-Lichtenberg, Georgensgmünd, Kaltenburg-Lindau, Aue, Neukirchen-Wiebelskrichen, Istha auch nur wundern!

Da hilft es auch nicht Papier zu zerknüllen, tut mir leid CDU. „Oberste Priorität“ am Arsch, ihr widert mich an.

An Tagen wie diesem, schäme ich mich Deutscher zu sein. An Tagen wie diesem, Schäme ich mich für jeden meiner Mitmenschen, der der Aufklärung von rassistischer Gewalt im Wege steht. An Tagen wie diesem, steht mir die Galle bis zum Kehlkopf.

#SayTheirNames #NeverForget

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