Alfred stiftet Frieden

Alfred Nobel stiftete posthum, wohl auch von der Sorge getrieben, wie man sein Selbst nach dessen Ableben in Erinnerung behalten würde, unter anderem den „Friedensnobelpreis“. Das scheint in sofern Paradox, als dass Alfred Nobel im Jahr 1866 im schleswig-holsteinischen Geesthacht das „Dynamit“, den ersten „Detonationssprengstoff“ erfand, der aus dem bereits bekannten Sprengstoff Nitroglycerin bestand, welches er in Kieselgur (hauptsächlich bestehend aus Siliziumdioxid (SiO2), das aus unlängst zuvor in Sedimentschichten unter der Lüneburger Heide entdeckten fossilen Kieselalgen gewonnen wurde) und Natriumcarbonat bzw. Natron (Na2CO3) als Stabilisator einarbeitete. Die dadurch entstandene breiige Masse, erwies sich als handhabungssicherer Sprengstoff, der sich dadurch auszeichnete, dass es per Initialzündung, bspw. einer Lunte, zur Explosion gebracht werden kann. Das zuvor gebräuchliche reine Nitroglycerin hat die unangenehme Eigenschaft, bei mechanischer Belastung zu explodieren, heißt: Haust du drauf, zieht’s dir ’nen neuen Scheitel! Bereits 0,2 Joule reichen aus, um eine Explosion auszulösen: Das entspricht einem Gewicht von zwei Kilogramm aus einer Fallhöhe von einem Zentimeter und ist somit unwesentlich explosiver als Klaus Kinski auf Koks.

Das Dynamit war also ein Gewinn für die Sicherheit derer, die im von der Industrialisierung angetriebenen Berg-, Tage-, Tunnel- und Straßenbau ihre Brötchen verdienten. Militärisch wiederum wurde es tatsächlich nie eingesetzt, da es dafür schlicht immer noch zu empfindlich war. Denn, und das verkürzte den Lebenszyklus dieser Innovation drastisch, auch Dynamit wartete letztendlich mit den gleichen Gefahren wie Nitroglycerin auf. Wurde es feucht oder gar nass, löste sich ebendieses Nitroglycerin von seinem Trägerstoff Kieselgur und sickerte, als die farb- und geruchlose Flüssigkeit, die es nun mal ist, und mit seiner Schlagempfindlichkeit von 0,2 Joule, die es nun mal hat, oft unbemerkt in Rinnsteine, Senken oder Transportfässer und entfaltete dort unmittelbar seine unangenehme Eigenschaft: unkontrollierte Beschleunigung humanoider Biomasse. Auch Kälte beraubte das Dynamit seiner Handhabungssicherheit, denn gefroren trat ebenfalls die Schlagempfindlichkeit auf den Plan, was dessen Einsatz in großen Höhen und Wintermonaten verhinderte.
Ein echter Erfinder lässt sich von solchen Rückschlägen nicht beirren: Nobel entwickelte sein Produkt abermals weiter und erfand, unter Verwendung veresterter Cellulose statt der Kieselgur, die Sprenggelatine, die, egal ob nass, kalt oder unter mechanischen Einwirkungen, tatsächlich handhabungssicher war. Daraus folgte das Ballistit, ein rauchschwaches Pulver, das ideale Eigenschaften für die Artillerie besaß und somit das bis dahin verwendete Schwarzpulver ersetzte. Eine der Nobelschen Erfindungen war nach 1887 also tatsächlich auf den Schlachtfelder des späten 19. Jahrhunderts angekommen.

Ein Nachruf mit Folgen

Es gibt Stimmen, die dem guten Alfred das Wissen um den menschlichen Nihilismus zuweisen und er sich daher alsbald Sorgen machte, man könnte die explosiven Schöpfungen seines Erfindergeistes negativ mit seinem Namen und somit seinem Vermächtnis konnotieren. Tatsächlich, bestand bis ins Jahr 2004 ein Chemie- und Rüstungsunternehmen namens DYNAMIT NOBEL. Hinzu kam, dass eine französische Zeitung 1888 einen Nachruf auf Alfred Nobel veröffentlichte, betitelt mit „Der Kaufmann des Todes ist tot“, in dem er als jemand bezeichnet wurde, der sein Vermögen damit machte „Wege zu entwickeln, um mehr Menschen, in kürzerer Zeit als jemals zuvor zu töten“.
Nun, die wenigsten Menschen kommen in den „Genuss“ der Lektüre des eigenen Nachrufes, Alfred Nobel war einer davon, denn er weilte 1888 noch unter den Lebenden. Lediglich sein Bruder Ludvig war kurz zuvor verstorben. So scheint es sich bei dieser Verwechslung um die französische Springer-Presse des 19. Jahrhunderts gehandelt zu haben. Schlagzeile First, Bedenken Second.

Medizin, Literatur, Physik, Chemie und Frieden. Zum Wohle der Menschheit.

„Mit meinem verbleibenden realisierbaren Vermögen soll auf folgende Weise verfahren werden: das Kapital, das von den Nachlassverwaltern in sichere Wertpapiere realisiert wurde, soll einen Fonds bilden, dessen Zinsen jährlich als Preis an diejenigen ausgeteilt werden sollen, die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben. Die Zinsen werden in fünf gleiche Teile aufgeteilt: […] und ein Teil an denjenigen, der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat. Der Preis […] für Friedensverfechter [wird] von einem Ausschuss von fünf Personen [vergeben], die vom norwegischen Storting [Parlament] gewählt werden. Es ist mein ausdrücklicher Wille, dass bei der Preisverteilung die Zuteilung nicht an irgendeiner Nationalität festgemacht wird, so dass der Würdigste den Preis erhält, ob er Skandinavier sei oder nicht.“

Aus Alfred Nobels Testament vom 27. November 1895

(Zunächst, für diejenigen die darüber gestolpert sind: Ja, die Einzahl von Fonds ist Fonds, ansonsten ist es eine Suppe. Und diejenigen Aufpassenden, die über „norwegisches Parlament“ stolperten: Schweden und Norwegen waren bis 1905 in Personalunion unter schwedischer Führung.)

Nobel, vom Herrn Nobel, nicht? (Hierbei handelt es sich übrigens um einen Zufall, denn das alternative Wort für Edelmut entstammt dem französischen noble und hat mit dem Alfred nichts zu tun.) So viel zur Geschichte der Nobelpreise.

The Golden Windbeutel goes to…

Einen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften gibt es übrigens nicht, das, was als solcher bezeichnet wird ist schlichte Irreführung und hat mit den zugrundeliegenden Gedanken Nobels so viel zu wie Friedrich Merz mit Wirtschaftsexpertise: Außer, dass Journalist:innen ihn irrtümlich als solchen bezeichnen, gar nix. (Glückwunsch zur Kandidatur an dieser Stelle, Fritz – alle guten Dinge sind drei und irgendjemand muss die Rest-CDU ja abwickeln). Und da dieser Preis für Wirtschaftswissenschaften so falsch ist, scheue ich mich auch nicht davor, symbolisch den von foodwatch ausgelobten Negativpreis für Verbrauchtäuschung „Goldener Windbeutel“ zu bemühen. Der „Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften“ wurde erstmals 1969 von der schwedischen Nationalbank, zur Feier ihres eigenen 300-jährigen Bestehens ausgelobt und ist wohl mit dafür verantwortlich, dass das 21. Jahrhundert von sogenannten Wirtschaftswissenschaften dominiert wird, während Handwerk- und Sozialberufe sowie Umwelt und Klima langsam aber sehr sicher zugrunde gehen. Das muss man sich als Gesellschaft leisten können, beziehungsweise wollen – gell, Herr Merz?

GaLiGrü

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